OTTO MUEHL Retrospektive | Sammlung Falckenberg
23. Juni 2005 | Von netsamurai | Kategorie: Archiv, FeatureHarburg | Die radikale Kunst von Otto Muehl | 18 filmisch dokumentierte Aktionen der 1960er Jahre

Foto: Jens Ullheimer
Jenseits von Zucht und Ordnung
Bis zum 22. September 2005 stellt die von Wien nach Hamburg-Harburg gewanderte Ausstellung 18 filmisch dokumentierte Aktionen der 1960er Jahre großformatig projeziert in den Vordergrund. Die Ausstellung wurde ursprünglich vom Museum für Angewandte Kunst Wien unter der Direktion von Peter Noever 2004 in Wien gezeigt.
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Überblick über verschiedene Schaffensphasen von Otto Muehl. In Österreich lag der Schwerpunkt in der Präsentation des malerischen Werks. ”Er zählt mit seinem Aktionismus aber auch mit seinem malerischen Oeuvre zu einem der wichtigsten Künstler der Nachkriegszeit in Österreich.” (Peter Noever / Direktor Museum für Angewandte Kunst in Wien)
KATALOG | Otto Muehl Retrospektive. Jenseits von Zucht und Ordnung
320 S. mit 70 Abb.,
brosch. – Text in dt. & engl.
Katalog hrsg. von Harald Falckenberg.
Hamburg 2005
Beiträge von Werner Büttner, Peter Sloterdijk, Noemi Smolik u.a.“Die Ausstellung im MAK hatte einen dezidiert kunsthistorischen Zuschnitt. In Hamburg sind die Akzente anders gesetzt. Die Ausstellung konzentriert sich auf die Abschnitte Wiener Aktionismus, Gefängniszeichnungen und Electric Paintings (…) Die Hamburger Ausstellung macht deshalb den Versuch, die Aktionsfilme in den Mittelpunkt zu stellen. Es werden insgesamt 18 Filme auf großen Leinwänden gezeigt. Die Fotografien, Malereien und Zeichnungen an den Wänden bilden die Kulisse für den filmischen Auftritt der Aktionisten (…) mit Beiträgen zu Otto Mühl, aber auch mit Essays, die ohne unmittelbaren Bezug im Kontext des Aktionismus stehen.” [aus dem Vorwort]
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VIDEO | Otto Muehl zum 85. Geburtstag | ORF vom 13.6.2010
anlässlich der Ausstellung “Otto Muehl. Sammlung Leopold” im Leopold Museum, Wien
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Sex, Drugs & Wiener Aktionismus
Muehls bedeutendste künstlerische Arbeit fällt in die Zeit des Wiener Aktionismus. Anfang der 1960er Jahre protestiert er gemeinsam mit Brus, Frohner, Nitsch & Co gegen das bürgerliche Kunstempfinden und die starren Gesellschaftsstrukturen. Mit ungeheurer Radikalität stellen sie das traditionelle Tafelbild in Frage und setzen an seine Stelle die Aktion.
“In Deutschland haben die Studenten die Universitäten besetzt”, ist über die Sechziger und den Aktionismus zu lesen, “in Österreich haben Muehl und seine Gefährten in die Uni geschissen.”
Durch die Aktion “Kunst und Revolution” 1968, die in der Wiener Universität stattfand, kam Muehl zwei Monate lang in Untersuchungshaft. Im September des gleichen Jahres führte er in München eine “Pissaktion” vor Publikum durch. Ende 1969 kam es erneut zu einem Skandal, als bei einer Aktion ein Schwein geschlachtet wurde, und Blut, diverse Materialien, Urin und Kot über eine nackte Frau geschüttet wurden. Währenddessen wurden Weihnachtslieder über Lautsprecher gespielt. Heute lebt Otto Muehl in Portugal und beschäftigt sich mit Malerei.
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OTTO MUEHL
- 1968 Idee “Kunst ins Leben” mit der Gründung der AAO-(Aktionsanalytische Organisation) Kommune am Friedrichshof, Österreich.
- 1990 – nach der Verurteilung Muehls zu einer 7-jährigen Haftstrafe wegen diverser Sittlichkeits- und Suchtgiftdelikte – aufgelöst.
Ende der 1960er Jahre wendet sich Muehl vom elitären Kunstmarkt ab. Nach seiner gescheiterten Ehe verkündet er die Überwindung der Kleinfamilie zur Maxime, propagiert freien Sex statt 2-erBeziehungen. Am Ende der Suche nach politischen, wie gesellschaftlichen Alternativen steht als Ergebnis die Umsetzung der Idee “Kunst ins Leben” mit der Gründung der AAO-(Aktionsanalytische Organisation) Kommune am Friedrichshof, Österreich.
Unter dem Einfluss der Schriften von Charles Fourie, Wilhelm Reich und Sigmund Freud entwirft Otto Muehl ein Gesellschaftsmodell, dessen wichtigste Merkmale die Aktionsanalyse, die Selbstdarstellung, das gemeinsame Eigentum und die freie Sexualität sind. In ihrem “Paradies”, einem potemkinschen Dorf, abgeschottet vom Rest der Welt, wollen sie zum Ursprung menschlichen Lebens zurückkehren. Politische Akzeptanz und die Anerkennung von Künstlerkollegen lösten eine fast kultische Verehrung aus.
ZITAT: Dr. Falckenberg zur Ausstellung Hamburg 2004/2005
“Der Wiener Aktionismus hat eine lange Tradition von de Sade über Schiele, Artaud, in der Gegenwart fortgesetzt von McCarthy, Kelley, Meese und Melgaard, um nur einige Namen zu nennen. Muehls Kunst stellt eine wichtige Position dieser Richtung dar, die eine wesentliche Wurzel in der Groteske des Mittelalters hat. Beschmutzungen und Kopulationen in der Öffentlichkeit waren auf den karnevalesken Umzügen der Vergangenheit gang und gäbe.”
“Diesen Gesamtzusammenhang der Kunst deutlich zu machen, ist das Anliegen der „Otto Muehl-Retrospektive”, wie wir sie unter Übernahme der Arbeiten der Ausstellung im MAK mit der auch dort tätigen Kuratorin Bettina Busse in Hamburg zeigen wollen. Auf den Titel „Lebenswerk” werden wir verzichten, da wir den wichtigen Komplex „Kommune Friedrichshof” und die spezifisch auf die Kommune bezogene Kunst in Hamburg ausklammern werden.”
“Wir sind der Überzeugung, daß sich die weitreichenden Fragestellungen und Probleme der Kommune Friedrichshof nicht in einer Kunstausstellung aufbereiten lassen. Dies ist Aufgabe historischer, soziologischer, psychologischer und letztlich auch juristischer Untersuchungen, die an einem solchen Ort nicht unternommen werden können.”
Frankfurter Rundschau 2004 ” Haifisch ohne Zähne”
Die Ausstellung über den Aktionisten, Kommunarden und Maler Otto Muehl hat Angst vor sich selbst [ Stephan Hilpold ]
“Der juristische Streit, der ausgefochten und entschieden wurde (Muehl wurde wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger belangt, und im Umfeld der Schau 2004 in Wien wurden jetzt von ehemaligen Kommunarden neue, noch unbekannte Vorwürfe laut), mag die eine Seite der Medaille sein. Sie hat im Museum fürwahr nichts zu suchen.
Deswegen aber die Zeit am Friedrichshof, immerhin knappe 20 Jahre, auf die sich auch die meisten Anschuldigungen beziehen, beinahe vollends auszuklammern, scheint der falsche Weg. Die Kunst Otto Muehls war und ist eine Kunst, die sich ins Leben stürzt. Also wird man sich auch bei ihrer unumgänglichen Aufarbeitung vor dem Leben nicht so einfach drücken können. Widerstände hin oder her.”
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Otto Muehl entschuldigt sich bei Missbrauchsopfern
Die Totalität der Kunst und das Totalitäre | Juni 2010
Beatrix Novy für DEUTSCHLANDRADIO Kultur
Zum 85. Geburtstag wird er 2010 in Wien mit zwei Ausstellungen geehrt. Der Aktionskünstler Otto Muehl. Unumstritten ist er jedoch nicht. Wegen Kindsmissbrauchs im Namen der Kunst saß er im Gefängnis. Nun hat er sich in einem Brief öffentlich bei den Opfern entschuldigt.
DEUTSCHLANRADIO Kultur – Beitrag lesen / anhören
“Liebe Daniele,
ich glaube, du hast mich vollkommen verstanden, dass ich mich in einigen Sachen grundsätzlich geirrt habe. Ich habe als Künstler und, davon angestachelt, auch als Mensch Risiko auf mich genommen.”
Die Zahl der Künstler, die man posthum des sexuellen Missbrauchs bezichtigen darf, ist nicht gering. Aber nur einer wurde alt – und vielleicht weise – genug, nur einer konnte von einer neuzeitlich sensibilisierten Mitwelt lange genug gepiesackt werden, um sich dafür zu entschuldigen. Otto Muehl ließ gestern ( 12. Juni 2010 ), in der Pressekonferenz zur ihm gewidmeten Ausstellung im Wiener Leopoldmuseum, einen Brief verlesen, in dem er Grund zur Reue bekennt.
“Ich wollte sie“ - die Kinder - ”befreien und habe sie mit sexueller Überschreitung stattdessen überrumpelt und gekränkt” heißt es da. Und:
“Es war auf keinen Fall meine Absicht.”
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KATALOG | Otto Muehl Leben / Kunst / Werk.
Aktion Utopie Malerei 1960-2004
416 Seiten
mit 478 (320 farb.) teils ganzseit. Abb.,
Ausst’verz., Bibliographie, Chronologie, Filmographie,
brosch. – Text in dt. & engl.
Katalog hrsg. von Peter Noever. Wien 2004.
Beiträge von Eric Alliez, Karl Iro Goldblatt, Bettina M. Busse, Michel Giroud, Peter Gorsen, Peter Turrini u.a. 4to.
Diese umfassende Monographie beleuchtet zum ersten Mal das Oeuvre des Grenzen auflösenden Künstlers Otto Muehl aus seiner Sicht. Neben Gemälden, vor allem aus der Zeit nach 1974, beinhaltet sie Materialbilder und Collagen, Foto- und Filmdokumentationen früher Aktionen sowie Texte Otto Muehls aus vier Jahrzehnten. Überraschend ist das erstmals in dieser Breite veröffentlichte malerische Werk. Die Texte beschäftigen sich mit den Themen des Aktionismus, mit der Geschichte und Theorie der Mühl-Kommune sowie speziell mit der Malerei.Geschichte und Theorie der Mühl-Kommune sowie speziell mit der Malerei. MAK, Wien 03.03.2004-30.05.2004
Otto Muehl stand im Zentrum einer Bewegung, die herkömmliche Kunstbegriffe durch einen extremen Einsatz von Geist und Körper sowie kunstfremden Materialien erweiterte. Unter den Wiener Aktionisten bezog Muehl, oft umstritten, seine eigene Position. Diese umfassende Monographie beleuchtet zum ersten Mal das gesamte Oevre. Neben Gemälden, vor allem aus der Zeit nach 1974, zeigt das Buch die umfangreichen Materialbilder und Collagen sowie Photo- und Filmdokumentationen früher Aktionen. Das erstmals in dieser Breite veröffentlichte malerische Werk überrascht selbst Mühl-Kenner. Texte Otto Muehls aus vier Jahrzehnten bilden eine zusätzliche Ebene für das Verständnis seiner Arbeit. Im Anhang findet sich eine Chronologie zu den Aktionen und zur Kommune sowie eine ausführliche Bibliographie.
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Sammlung Falckenberg | Wilstorfer Straße 71 | Phoenix-Hallen / Hamburg-Harburg
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Insite Harburg Magazin Archive:
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