DISCOTECA FLAMING STAR | Kunstverein Harburg
17. Dezember 2008 | Von netsamurai | Kategorie: ArchivInstallation & Performances | Ausstellung bis 20 MRZ 09

Eisschollen im Raum | „Alfombras“, alte Teppiche
Für den Kunstverein Harburger Bahnhof entsteht eine Installation aus bearbeiteten Teppichen, die sich wie Eisschollen im Raum verteilen. Die von Freunden und Mitgliedern des Vereins gespendeten Heimtextilien werden mit Schriftzügen versehen, die den Kontext der Ausstellung – das Thema »Freiheit«, die einladende Institution genauso wie die historische Funktion des Raumes als Wartesaal – aufgreifen und bearbeiten.
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Die ursprüngliche Beschaffenheit der Teppiche hinsichtlich Muster und Farbgebung verschwindet dabei zu großen Teilen unter schwarzer Acrylfarbe und macht so Platz für den vorangegangenen Auseinandersetzungsprozess, der sich in Schriftzügen materialisiert und durch sie aufs Neue provoziert wird. Auf diese Weise entstehen innerhalb des bestehenden Raumes neue »Räume«, »Denkräume«, die in Performances um die Dimensionen »Handlung« und »Zeit« erweitert werden.
Reihe:Ordnung sagt _ Freiheit
Ausstellungsdauer: 30. Jan. bis 20. März 2009
Öffnungszeiten: Mi. bis So., 14 bis 18 Uhr
Kunstverein Harburger Bahnhof, im ehemaligen Wartesaal 1. Klasse über
Gleis 3 und 4, Fernbahnhof Harburg, Hannoversche Str. 85, 21079 HamburgFinissage | FR 20 MRZ 09 | 20 Uhr Performance »for boris for ingrid«
Innerhalb der “Reihe:Ordnung” ( eng orientiert an der Verortung des Kunstvereins in einem Bahnhofsgebäude – werden bestehende Systeme in ihrem Paradox aus Stillstand und Bewegung, aus Aussagekraft und Durchlässigkeit aufgegriffen ) wurde unter dem Titel »Freiheit« die deutsch-spanische Künstlergruppe Discoteca Flaming Star eingeladen, ihre Arbeit und ihren Zugriff auf das Thema zu präsentieren. »Freiheit« ist die sechste Ausstellung im Rahmen der von 2007 bis 2009 im Kunstverein Harburger Bahnhof gesetzten Reihe:Ordnung.
Die 1998 von Cristina Gomez Barrio und Wolfgang Mayer gegründete Gruppe ist ein interdisziplinäres Kunst-/Performanceprojekt mit wechselnder Besetzung, das seine Auftritte und Ausstellungen als politische und soziale Ereignisse versteht.
Hardcore – Karaoke
Angelehnt an die Idee und Funktionsweise einer Rockband erforschen Discoteca Flaming Star in ihren Projekten gemeinsam mit befreundeten KünstlerInnen, TänzerInnen und MusikerInnen subjektive Wünsche, deren Umsetzungen und ihre Begrenzungen.
AUDIO | Discoteca Flaming Star | When Doves Cry | Sexual Healing u.a. | 2003
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” … die Geister des Punk, die Wichtigkeit der Texte, einfache und offene musikalische Strukturen, die Partizipation und Spontaneität ermöglichen, AC/DC, die Offenheit von Kollaboration, Respektlosigkeit, keine Angst vor Langeweile, die emotionale Abhängigkeit vom eigenen Umfeld, und nichts darf ausgeschlossen werden bei kreativen Prozessen.”
Discoteca Flaming Star wildern im Fundus der Popmusik, um auf politische, soziale und historische Ereignisse zu antworten. Durch konzeptuelle Verschiebungen schaffen sie visuelle Tableaus und pop-musikalische Szenographien, die Gedächtnis und Erinnerung ihres Publikums herausfordern – eine Erinnerung an etwas, das in der Zukunft liegt; etwas, das noch nicht geschehen ist und vielleicht auch niemals geschehen wird. DISCOTECA FLAMING STAR sind respektlose, dilettantische Fans, die ihr eigenes Wissen wie auch den Mangel an eben diesem ausbeuten, um das Begehren zu inszenieren, sich auf der Bühne zu zeigen. Inspiriert von Anita Berber, Warhols Perücke, den Geistern der Geschichte, Gregg Bordowitz, Mary Shelley, Karl Valentin & Lisl Karlstadt, der Wiener Gruppe, Alvaro, Joey Arias und Raven O performen sie Songs über Liebe, Konsum, Leidenschaft und Feminismus; Bauchtanz, Tearjerkers, großartig schlechte Lieder, die zusammen kommen, obwohl sie es eigentlich nicht sollten.

Das Werk von Discoteca Flaming Star geht dem Interesse nach, Musik und Text als Grundlage einer vielschichtigen künstlerischen Auseinandersetzung zu nehmen, deren jeweilige Ausarbeitung personell und kontextuell angepasst wird und formal unterschiedliche Schwerpunkte hat.
Stets wird dabei jedoch versucht, die Spannung zwischen performativen und räumlich statischen Elementen einer Ausstellung, zwischen Performer und Publikum, Subjekt und Objekt auszuloten. Dient die Gleichzeitigkeit und Dichte der Performance darin, dabei das Begehren inszenieren, auf der Bühne zu sein und sich zu zeigen, lassen ihre darüber hinausgehenden Rauminstallationen die Ausstellungsräume als solches zur Bühne werden, und die Zuschauenden zu Performenden.
Durch asymmetrische Teppichmuster zur Komposition
Eine zweite Ebene bildet die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Musiker und Komponisten Morton Feldmann,
VIDEO | Morton Feldman : The Rothko Chapel 1971
ein Freund und Zeitgenosse von John Cage, der unter anderem durch asymmetrische Teppichmuster zu Kompositionen inspiriert wurde.
Zu Feldmans Freunden in New York zählten auch die Komponisten Christian Wolff und Earle Brown sowie die Maler Jackson Pollock, Philip Guston, Franz Kline, Robert Rauschenberg und Mark Rothko. In Anlehnung an die Bildenden Künstler wurde die eher lockere Gruppierung von Cage, Feldman, Brown und Wolff auch “New York School of Music” genannt.
Und der Dialog mit dem fiktiven? Teppichsammler Christopher Pan Talon. Letzterer liebt an seiner Sammlung das Aufeinandertreffen von rigide vorgegebenen Mustern und unabhängigen Gestaltungen. Freiheit wird hier produktiv verstanden: Nicht als Gegenbehauptung gegen das, was sie einschränkt, sondern als Freiheit des Denkens, Kombinierens und Handelns innerhalb bestimmter Strukturen.

Die Ausstellung von Discoteca Flaming Star wird durch politische und philosophische Vorträge flankiert, die das Thema »Freiheit« auf diskursiver Ebene behandeln. Die begleitende Publikation Revue # 6 setzt die Auseinandersetzung in einem anderen Medium fort.
vita
Cristina Gomez Barrio (*1976 in Madrid) und Wolfgang Meyer (*1967 in Kempten) leben in Berlin. Sie haben in München, Madrid, Berlin und zuletzt am Whitney Independent Study Program in New York City studiert und sind Mitbetreiber des Kunstraumes GENERAL PUBLIC in Berlin.
Ihre Arbeit mit Discoteca Flaming Star war in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in
Europa, den USA und Mexiko zu sehen. Zuletzt etwa im Whitney Museum of Modern Arts, The Kitchen, und im Chelsea Museum, NYC, an der Madrid Abierto 2007, der Generali Foundation Wien, dem Kunstraum Ausland in Berlin oder Parlour Projects in New York. Im Oktober 2007 wurden Discoteca Flaming Star zu einer Performance in die Tate Modern nach London eingeladen. Zuletzt wurde ihnen im Mai 2008 die Ehre zuteil, das neue Museum für zeitgenössische Kunst Centre de Arte Dos de Mayo in Madrid mit einer großen Einzelausstellung zu eröffnen.
Performances und Ausstellungen unter anderem:

mil veras mil prinzessinen mil centralias | installation view, madrid 2008
02. Mai – 21. Juli 2008 | Discoteca Flaming Star
MIL VERAS MIL PRINZESSINNEN MIL CENTRALIAS
(Cristina Gómez Barrio, El Arroyo los Cagaos, François Boué, Ines Schaber, Michael Mahalchick, Wolfgang Mayer)
Kurator: Juan Antonio Álvarez Reyes
Centro de Arte Dos de Mayo, Móstoles (Madrid), Spanien
- 2008: Badischer Kunstverein, Karlsruhe. Sala Rekalde, Bilbao
- 2007: Tate Modern, London. Museum Abteiberg, Mönchengladbach. Whitney Museum of American Art, New York
- 2006: The Kitchen, New York. Chelsea Museum, New York. General Public, Berlin
- 2005: Museo Tamayo, Mexico-City
- 2004: Leroy Neiman Gallery, Columbia University, New York
- 2003: MUMOK, Wien. | 2001: Kunsthall, Oslo. | New Museum of Contemporary Art, New York
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