Hanne Darboven | Ich schrieb, also war ich

13. März 2009 | Von | Kategorie: Allgemeines, Journal, Leitartikel

Am Montag, den 09. März 2009 verstarb Hanne Darboven in ihrem Wohnort Rönneburg, in Hamburg-Harburg. Sie gilt als eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen der Gegenwart.

hanne-darboven

Hanne Darboven (29. April 1941 – 9. März 2009) links 2006 und rechts ca. 1966

Schiff an Ufer
Hanne Darboven: Liest Du mich?
Lawrence Weiner: Ich lese Dich laut und klar
Das Schreiben füllt keine Leere
Das Schreiben tritt in eine Welt ein, die mit vielen Dingen gefüllt ist
Das Schreiben ist vom ersten Strich an ein fait accompli
Das Schreiben ist heute
Wir schreiben darum sind wir

Dear Hanne – Lawrence Weiner, NYC, 2004

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Mein Geheimnis ist, dass ich keins habe.

Hanne Darboven gehört zu den international renommiertesten Konzept-Künstlerinnen. Sie vertrat Deutschland auf der Biennale in Venedig, hat mehrere Male an der documenta teilgenommen und ist in den wichtigsten internationalen Museen vertreten.

In 2006 fand die letzte große Einzelausstellung von Hanne Darboven in der Deutsche Guggenheim, Berlin statt. Hanne Darbovens Installation Hommage à Picasso für das Deutsche Guggenheim, (4. Februar bis 23. April 2006) dokumentierte das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und war gleichzeitig eine außergewöhnliche Hommage der international wohl bekanntesten deutschen Künstlerin an den Künstler des 20. Jahrhunderts.

Hanne Darboven. Hommage a Picasso

Hrsg. Deutsche Guggenheim, Berlin, Gespräch von Gerd de Vries mit Sibylle Omlin, Texte von Valery L. Hillings, Wolfgang Marx, Anne Rorimer, Svenja Gräfin von Reichenbach

Broschiert
96 Seiten, 49 Abb., davon 34 farbig,
3 Klapptafeln
mit Audio-CD OPUS 60
Deutsch
27,8 x 23 x 1,4 cm

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Das Buch dokumentiert eine Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim in Berlin: eine aktualisierte und erweiterte Version von Hommage à Picasso aus den Jahren 1995/96.

In der Installation notiert Darboven auf insgesamt 9720 Schriftblättern in vier Varianten numerisch das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Als Reminiszenz an den »größten Künstler des 20. Jahrhunderts« setzt Darboven ihre Arbeiten in »picassoesk« handbemalte Rahmen, die Kleinkünstler, inspiriert von Picassos Jacqueline in türkischem Kostüm, entworfen haben. Ergänzt werden diese Blätter von Skulpturen sowie Darbovens musikalischer Komposition Opus 60, die dem Band auf CD beiliegt.

Hommage à Picasso, Hanne Darbovens Installation für das Deutsche Guggenheim, umgibt den Betrachter mit 9.720 Blättern, die ihre handgeschriebenen numerischen Notationen tragen und in 270 handbemalten Bildrahmen präsentiert werden. Diese Schrifttafeln, die das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts dokumentieren, werden mit einer Reihe zusätzlicher Elemente kombiniert: einer gerahmten Lithografie von Picassos Gemälde Sitzende Frau in türkischer Tracht (1955), einer Gruppe gekaufter oder eigens angefertigter Skulpturen – von einer Büste Picassos im römischen Stil bis zu Eseln aus Birkenzweigen von polnischen Kunsthandwerkern – sowie Opus 60, einer neuen Orchesterkomposition für 120 Stimmen.

In ihrer Gesamtheit zeichnet die Installation ein vielschichtiges Doppelporträt der Künstler Pablo Picasso und Hanne Darboven, das die Rolle des Wiederholens und Zitierens in der Kunst genauer zu erfassen sucht. Darboven hinterfragt sowohl die Idee des persönlichen Stils, der sich prinzipiell durch Selbstreferentialität und durch die ständige Wiederholung künstlerischer Motive und Ansätze manifestiert, als auch die Praxis, sich direkt auf das Werk eines anderen Künstlers zu beziehen, um ihn zu ehren oder um eigene kreative Zielsetzungen zu verfolgen. Die Frage der Originalität steht also im Mittelpunkt von Hommage à Picasso.

[ Valerie Hillings, Solomon R. Guggenheim Museum ]

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Hanne Darboven

In den 1960er Jahren entwickelte Hanne Darboven ein Konzept zur Fortschreibung von Zeit und formalisierte es in einer Abfolge von abstrakten Schreibzeilen und Gruppierungen von Zahlen. Sie wurde angeregt durch ihre Begegnung mit Künstlern der Minimal Art, vor allem Carl Andre und Sol LeWitt, in New York, wo sie sich 1966/67 aufhielt.

Noch während ihres Studiums an der Hamburger Hochschule für bildende Künste geht sie 1966 für zwei Jahre nach New York und entwickelt im Umfeld der bereits sichtbaren Konzept- und Minimal-Kunst, allerdings in weitgehender Isolation, ihre Systeme einfacher Zahlenabläufe (z.B. 3 5 7 5 3) mit komplexen Variationsfolgen; das Prozeßhafte des reifen Werks ist hier bereits vorhanden. Unterstützung findet sie bei den Protagonisten und Promotern der Szene, insbesondere Sol LeWitt, Lucy Lippard und Kasper König; dieser Kreis trägt wesentlich zu ihrer sich schnell entwickelnden, internationalen Karriere bei. ( Ernst A. Busche – Hanne Darboven Stiftung )

Sie distanzierte sich sowohl von der extrovertierten Darstellungsweise der Pop Art als auch von der expressiven Linienführung der Zeichnung. 1968 übernahm sie die Einteilung des Kalenders mit Tag, Monat und Jahr.

Im August 1968 adaptiert HD das Tagesdatum als Grundlage der Arbeit. Ausgangspunkt ist die Quersumme des Datums, der „K-Wert“, benannt nach der jeweiligen Konstruktion und den Kästchen, die den Wert visualisieren. Eckdaten sind die K-Werte des ersten und letzten Tages der Jahre ‘00 und ‘99: 2 (1+1+0+0) und 43 (31+12+0+0) sowie 20 (1+1+9+9) und 61 (31+12+9+9). Im Zentrum des Denkens und Schreibens stehen jedoch weniger die einzelnen Daten als vielmehr die Abläufe der K-Werte und der „Von-Bis-Texte“ mitsamt ihren vielfältigen und immer kunstvolleren Varianten, bei denen Großformen wie Winkel und Halbkreise sichtbar werden. In bewußter Differenz zum herkömmlichen Kunstbegriff stellt HD die Arbeiten in die Tradition von Schrift und Buch: Sie werden per Hand oder Maschine auf einzelnen Blättern geschrieben, gelegentlich als Buch verfaßt oder zu Büchern arrangiert. Einzelne Werke können viele Tausend Blatt umfassen oder bleiben gar, wie die 1971 begonnene „grosse arbeit“, mit über 40.000 Blatt unvollendet. ( Ernst A. Busche – Hanne Darboven Stiftung )

Die internationale Anerkennung kam früh. Der New Yorker Galerist Leo Castelli förderte sie, schon 1970 waren ihre Arbeiten im Museum of Modern Art in New York zu sehen, ein Jahr später im Guggenheim-Museum.

In den 1970er Jahren bezog sie ihr Konzept auf literarische Werke wie Homers “Odysee” oder Heinrich Heines “Atta Troll”. Mit den Blättern der “Schreibzeit” (1975-80) begann sie sich geschichtlichen Themen zuzuwenden und historische und politische Inhalte zu reflektieren. Dies schlug sich besonders durch die Integration von Bildmaterial in ihrer Arbeit nieder.

Bedrückt durch die politische Situation in Deutschland und in der Welt, beginnt die politisch stets hellwache Künstlerin in bester aufklärerischer Tradition 1974 einen monumentalen Kommentar zur Zeit. Anhand von Hunderten vorgefundener und abgeschriebener Texte, die von den jüngsten SPIEGEL-Ausgaben über die Brockhaus-Enzyklopädie bis zu den Gedichten Hölderlins und Lao-Tses reichen, geht sie in der „Schreibzeit“ den Verbindungen von Kunst und Politik nach und plädiert für eine unideologische „Realpolitik“ im Sinne Bismarcks. Immer wieder benennt sie die Themen, Quellen und Folgen des Hitler-Faschismus. Ähnlich umfassend angelegt ist die nahezu ausschließlich visuelles Material (Fotos, Kataloge, Vorlageblätter, Zeitschriften, Plakate, Postkarten) verarbeitende „Kulturgeschichte“ (1980-83). Objekte aus HDs umfangreicher Sammlung an Büchern, Kalendern, Fotos, Postkarten, Kunstwerken und Kuriositäten, die ihr Haus bis zum letzten Winkel füllen, werden bei der Ausstellung dieser wie auch anderer Arbeiten in die Präsentation einbezogen und sind in den Werken als Abbildung präsent.  ( Ernst A. Busche – Hanne Darboven Stiftung )

Seit 1980 übersetzt sie die ihren visuellen Arbeiten zugrundeliegenden Zahlenkonstruktionen auch in musikalische Strukturen: die Zahlen bestimmter Zeitrechnungen werden von ihr selbst in Töne und musikalische Notationen umgesetzt.

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Hanne Darboven:
Vier Jahreszeiten 1981-82
„Der Mond ist aufgegangen“, 1982, Schallplatte
© SMB, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz

AUDIO | Opus 17A

for double bass perfomed by Robert Black
Produced by Jonathan Bepler
Recorded at Aardvark Studio, New York

( 70 Minuten Download Audio / ubu org ) Produced in association with the exbition “Kulturgeschichte 1880-1983,1980-83″ at Dia Center for the Arts, March 28, 1996 – June 29, 1997.

“Bereits als Kind zeigt HD eine große musikalische Begabung, die sie dann zugunsten der bildenden Kunst zurückstellt, die jedoch stets präsent bleibt: Unübersehbar ist die Nähe zwischen den Zahlen-Abläufen mit Varianten und einem musikalischen Thema mit Variationen.1980 beginnt sie, ihre Zahlensysteme nach einem einfachen Prinzip (Zahl 0 = Note d etc.) in Notenfolgen umzusetzen, die sie von einem professionellen Musiker in traditioneller Weise für verschiedene Instrumente, von der Solobesetzung bis hin zum vollen Orchester, arrangieren läßt, so daß ein faszinierendes Klangerlebnis entsteht, eine Mischung aus „mathematischer Musik“ (HD) und der großen Tradition der deutschen Klassik.” ( Ernst A. Busche – Hanne Darboven Stiftung )

Hanne Darboven in Hamburg-Harburg

Der Hamburger Kunstsammler Harald Falckenberg stellt in Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg einen ständigen Ausstellungsraum (ca. 90 m²) in seiner Sammlung (ca. 6000 m²) für Hanne Darboven zur Verfügung. Es sind jährlich zwei Wechselausstellungen mit Arbeiten der Künstlerin vorgesehen.

Vielleicht schafft man es in den Harburger Phoenix-Hallen irgendwann, die Ausstellung Hanne Darboven | Kulturgeschichte 1880-1983 | Dia Art Foundation | New York 1996/1997 nachzustellen. [ Opus 17A ( siehe audio-file oben ), ein Werk für Kontrabass, dass Hanne Darboven unmittelbar nach Beendigung der Kulturgeschichte von 1880 bis 1983 komponierte, hatte dort sein Debüt bei einem Empfang für die Künstlerin am 1. Mai 1996.]

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Sammlung Falckenberg | Wilstorfer Straße 71 | Phoenix-Hallen / Hamburg-Harburg

21073 Hamburg, Deutschland

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Wende 80 und Friedrich II

1988 wurde „Wende 80″ im Beisein der Künstlerin an der mehrgeschossigen Wand im Foyer  in der Eingangshalle der Technischen Universität Hamburg-Harburg installiert – als erste und bis 2010 einzige öffentlich gezeigte Arbeit in Hamburg-Harburg. Auf 415 gleichformatigen Blättern dokumentiert Hanne Darboven die Zeit und die Umstände der politischen Wende im Herbst 1982 in Bildern, Worten und Chiffren und realisiert zum ersten Mal in ihrem künstlerischen Schaffen, was sie schon lange bewegte: Sie setzte Zahlenkonstruktionen in „mathematische Musik” um – eine Form mathematischer Literatur.

Kern der Präsentation von „Wende 80″ ist eine dauerhaft installierte Multimediawand. Diese zeigt elf Schallplatten mit handsigniertem Cover der Künstlerin, und über Kopfhörer kann man die „Wende 80″-Musik hören. Außerdem können Besucher einen von insgesamt fünf Filmen sehen, die Hanne Darboven gedreht hat. „Der Mond ist aufgegangen” zeigt Aufnahmen aus Harburg, speziell von den dem Campusgelände angrenzenden Schützenplatz auf dem Schwarzenberg.

Eine weitere Arbeit mit Harburger Bezug ist “Friedrich II, Harburg 1986″, die als Grundmotiv eine Postkarte mit der Ansicht des Harburger Sand ca. 1908/1910 verwendet.

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Autobiographischer Bezug:

Hanne Darboven, aufgewachsen in Harburg, lebte mit ihren Eltern einige Jahre am Sand, Standort des 1895 gegründeten “Colonialwaaren- und Conserven-Geschäft mit Dampf-Kafferösterei” ihres Großvaters J.W. Darboven. Der Betrachtungsstandpunkt der Postkarte entspricht dem Standort des Darbovschen Geschäfts.

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Links | Hanne Darboven

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