HEINO JAEGER | Phrasenzertrümmerer durch Mimikry

14. November 2009 | Von netsamurai | Kategorie: Allgemeines, Feature, featured-slide

Harburg | 1997 verstorbenes Hamburg-Harburger Genie der Realsatire. Wenn Ihnen einer auf die Nerven geht, dann ist es Heino Jaeger … denn Heino Jaeger macht Menschen nach und redet und redet und redet und redet und redet und redet …

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Heino Jaeger hatte das absolute Gehör für deutsche Töne, seine Scherze waren lebensgefährlich. [FAZ]

Die  Biographie des 1997 verstorbenen Hamburg-Harburger Genies der Realsatire bietet genügend Stoff für eine Verfilmung a la “Angst und Schrecken in Las Vegas”. Ein durchgeknalltes (RocknRoll) Leben zwischen Schizophrenie und Genie, zwischen Romantik und depressiver Nachkriegsrealität.

Als unangepasster, freakiger Underground-Performer, in Cabarets und Rundfunk ( u.a. Radiokultsendung Lebensberatung Dr. Jaeger ), entging er der Massenwirksamkeit.

HEINO JAEGER | Web-Special mit Galerie ( Malerei / Zeichnungen )

AUDIO | Sport Aktuell  live [ Tonträger "Vom Besten" / Doppel-CD ]

AUDIOIst die Prosa eigentlich tot ? [ Tonträger "Wie sieht's bei Euch aus?" ]

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In den letzten Jahren werden gern Lesungen / Performances auf dem wehrlosen Buckel von Heino Jaeger ausgetragen. Wahlweise versuchen sich Olli Dittrich oder Hans-Joska Pintschovius ( Autor einer Jaeger-Biografie ) daran, das Genie des Meisters auf die Bühne zu bringen. Natürlich in bester Absicht. Doch es bleibt ein schales Gefühl. Denn man sollte bedenken, das das kongeniale Aufführen der zutiefst individuellen und von der persönlichen Darbietung Jaegers abhängigen Stegreifgeschichten oder Telefoninterviews schier unmöglich ist. Jedes Abspielen der Original-Tonträger führt diese – letztendlich respektlosen – Bühnenversuche ad absurdum. Schade, das Heino Jaeger sich darüber nicht mehr lustig machen kann.

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Heino Jaeger wurde 1938 in Harburg (Hamburg) geboren.

“Ich bin vorschriftsmäßig nach RVO und Mietvorschriften des Hamburger Grundeigentümer-Vereins auf den Schluss des letzten Kalendervierteljahres des Jahres 1937 und mit Wirkung des Inkrafttreten des ersten Quartal 1938, und zwar am 1.1.1938 [...] zur Welt gekommen.”

1956 – 59 | Studium an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg
(Klasse von Professor Alfred Mahlau).

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Heino Jaeger - Winter

Verschiedene Ausstellungen, u.a. die Provokation “Heino Jaeger: Ein Maler des deutschen Reichs stellt in der ehemaligen Reichshauptstadt aus!” sorgt für einigen Wirbel in Berlin.

Riehen bei Basel, im Herbst 1971: die Galerie „Spatz” zeigt Arbeiten von Heino Jaeger. Es ist seine erste Einzelausstellung.

Dann haben wir gesagt, einer muss reden und dann hatten wir die Idee, er könne doch selber dort reden, ja? Also er könne sich ja selber vorstellen. Und er machte daraus eine Nummer: wir kündigten ihn dann als irgendeinen Kunstprofessor aus Hamburg an, der an dieser Ausstellung die einführenden Worte sprechen würde.

Er kam dann wirklich – in einem Anzug mit Krawatte kam er raus und fing dann an, so ein vollkommen wirres Zeug zu reden, also wie eine Kunstkritik, wie eins zu eins dieses Geschwafel, dieses Theorie-Kunst-Geschwafel, was man ja kennt, wenn man Kunstkritiken liest, wo man, wenn man’s gelesen hat, weniger weiß als vorher, aber wichtig ist, dass es eben durchtränkt ist von unverständlichen Fremdwortaneinanderreihungen. [ swr Radio-Feature ]

Heino Jaeger - Das jüngste Gericht [ Helms-Museum, Hamburg-Harburg ]

Neben Gemälden und Zeichnungen entstehen die legendären Kurzgeschichten und kabarettistische Texte, die in Rundfunk, Fernsehen und auf Langspielplatten verbreitet werden. “Lebensberatung Dr. Jaeger” wird zum Markenzeichen.

“Lebenspraxis Dr. Jaeger” war eine Radiosendung mit einem ganz realen Vorbild: “441777. Was wollen Sie wissen?” Unter dieser Nummer und diesem Titel beantwortete Walter von Hollander, Autor von Liebesromanen und promovierter Philosoph, Hörerfragen zu Ehe-, Sex- und Lebensproblemen – jeden Freitag Mittag beim Norddeutschen Rundfunk, von 1952 bis 1971.

Auf dem Kiez von St. Pauli mischt sich Heino Jaeger unter die schillernde Szene aus Künstlern und Prostituierten, Zuhältern und Intellektuellen. Zum Freundeskreis gehören der sogenannte “Boxprinz” Norbert Gruppe alias Prinz Wilhelm von Homburg, der bundesweit von sich reden machte, als er in einem Interview im ZDF-Sportstudio auf jede Frage schwieg. Oder Hubert Fichte, charismatischer Autor ethno-poetischer Untersuchungen zwischen Haiti und Hamburg und Verfasser einer bisexuellen Bekenntnisautobiographie unter dem Titel “Versuch über die Pubertät”. Dann dessen Lebens- und Reisegefährtin, die Fotografin Leonore Mau und und und… alle unter dem Dach des marxistisch gefärbten Bordellbesitzers und Pornokinobetreibers Wolli Köhler.  [ swr Radio-Feature ]

Der Kult-Star in der intellektuellen Kunst-Szene, hochgeschätzt von Eckhard Henscheid, Hanns-Dieter Hüsch über Loriot bis Olli Dittrich, verstarb 1997 und hinterlässt – neben Schallplatten, die in Gold aufgewogen werden – auch Zeichnungen und Zeugnisse seiner Malerei, mit Hang ins 19. Jahrhundert.

Audio-CD´s und eine umfangreiche Biografie halten sein Lebenswerk lebendig.

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Heino Jaeger im Beat Club / Bremen 3 ca. 1970
[ sein erster und letzter AnarchoSpaßGuerilla-Auftritt im TV
verstört die harmlosen Moderatoren um Mike Leckebusch nachhaltig ]

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Das Ohr zur Welt

FAZ – Tilman Spreckelsen

Heino Jaeger hatte das absolute Gehör für deutsche Töne, seine Scherze waren lebensgefährlich.

… Autor und Sprecher von Stegreifgeschichten, die als Radiosendungen und Plattenaufnahmen ihre Kreise zogen. Zurück ließen sie ein verstörtes oder begeistertes Publikum, denn Jaegers Dialoge, die er als Telefongespräch mit sich selber führte, waren nichts Geringeres als ein Echo der mittleren Bundesrepublik …

Absolut stilsicher, aber mit jenen feinen Verzerrungen, die aus der vertuschenden Alltagssprache ein Medium der Erkenntnis machen, ließ er Hausfrauen und Krankenschwestern, Rentner und Wurstfabrikanten auftreten, die sich an den Radioratgeber “Dr. Jaeger” wandten, um sich über die Welt beruhigen zu lassen … Tatsächlich hatte Jaeger, gesegnet oder geschlagen mit einem übersensiblen Ohr für Redewendungen, Dialekte und Subtexte, von Kindheit an eine Faszination für  Gesprochenes entwickelt …

Seine Brillanz wurzelt offenbar nicht wenig in der Bereitschaft, als Imitator tatsächlich bis zur Grenze der eigenen Person zu gehen – und das heißt hier, in die akute Gefahr, sich selbst in fremden Zungen zu verlieren.

FAZ – Artikel lesen

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Der verlorene Schatz des Jaegers

TAZ – Frank Schäfer

Er sammelte und archivierte Sprache, in all ihren gelebten Unzulänglichkeiten: der fast vergessene Heino Jaeger.

“Ich halte ihn für den erbarmungslosesten Ohrenzeugen unserer Allerweltsgespräche …” schwärmt der Kabarettist Hans Dieter Hüsch 1969.

Als bildender Künstler feierte Jaeger durchaus Achtungserfolge, nachgerade religiös verehrt und jetzt als verlorenen gegangenes Vorbild wieder entdeckt werden indessen seine Sprechstücke.

Mit Recht. Heino Jaeger besaß das absolute Gehör für das gesprochene Wort.

Dialekte, verbale Marotten, artikulatorische Eigenheiten, die der Situation geschuldeten Zauderpausen und sich wiederholenden Platzhalter, das leidvolle Aufstöhnen der immer wieder überforderten, über ihre Verhältnisse redenden Protagonisten – Jaeger konnte das alles mimetisch exakt nachbilden bzw. aus einer wild wuchernden Lautfantasie heraus generieren.

Die Komik ist reine Artistik, sprachliche Elevation … Seine Sujets holt er sich in erster Linie bei den Schul-, Kultur- und Bildungsprogrammen – und noch seine Darbietungsformen, das Interview, die Reportage, den Kommentar, bezieht er daher. Und es ist der Kontrast aus dieser besonderen Kommunikationssituation, in der abgewogen, sachgemäß, mit dem entsprechenden Fachjargon nur die Fakten verhandelt werden, und einem dabei wie zufällig aufblitzenden, durch Wortverdrehungen, falschen Fremdwortgebrauch und Neologismen angetriebenen Irr- und Aberwitz, der einen großen Teil des komischen Mehrwerts dieser Piecen ausmacht.

TAZ – Artikel lesen

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CD´s

| Heino Jaeger “Lebensberatungspraxis Dr. Jaeger
[ Audio-CD 1 Std. 13 Min. ]

| Heino Jaeger ursprünglich ”Hitler in Südamerika
| jetzt “entschärft” Wie sieht’s bei Euch aus?
[ Auswahl, Zusammenstellung: Eckhard Henscheid
| Audio-CD 1 ca. Std. ]

| Heino Jaeger “Wissenswertes über Hirsche
[ Audio-CD 1 Std. 10 Min. ]

| Heino Jaeger “Alkoholprobleme in Dänemark
[ Auswahl, Zusammenstellung: Eckhard Henscheid
| Audio-CD 1 Std. 7 Min. ]

| Heino Jaeger – Vom Besten | kaufen bei amazon
| Auswahl, Zusammenstellung: Knut Kiesewetter
| Tonträger 2010 / Doppel-CD

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AUDIO | Salon Helga

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19.08.2005 | Sondersendung von FMfour, Österreich
| mit einer Auswahl aus Heino Jaeger´s
Alkoholprobleme in Dänemark“.
| Zusammengestellt von Eckhard Henscheid.

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heino-jaeger-man-glaubt-es-nichtBUCH

| Heino Jaeger “Man glaubt es nicht
| Leben und Werk
| Gebundene Ausgabe -
| von Hans-Joska Pintschovius
| 480 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

[Veröffentlicht wird hier auch eine Auswahl der Malerei, mit der Jaeger seinerzeit ebenfalls Achtungserfolge erzielte.]

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Der Spiegel:
“Ein würdiger Nachfolger Karl Valentins”

Titanic:
“Die Vielfalt der von Jaeger zum Leben und Labern erweckten Figuren, ihre dialektale Dämlichkeit und Jaegers darin aalende komische Versiertheit ist schlechterdings, ja, man kann es nicht anders sagen: genial!”

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Alles ist komisch, sinnlos und entsetzlich zugleich

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Jaeger ( Mitte ) im Zillertal, Reeperbahn, Hamburg-St. Pauli
Foto: Jürgen von Tomëi

Heino Jaeger konnte und wollte nichts ernst nehmen. Alles war komisch.” So hörte er sich z.B. gerne Hitler-Reden an, fand sie komisch und strapazierte danach seine Umgebung stundenlang mit den absurdesten Hitler-Monologen.

” Überhaupt: der Führer – bei einem Besuch im “Zillertal”, eine Art Hofbräuhaus auf der Reeperbahn: “Der dickste Musiker mischte sich ins Publikum auf der Suche nach interessanten Laiendirigenten. Wir zeigten auf Heino. Er durfte sich ein Musikstück wünschen und ließ die Kapelle den Badenweilermarsch” (Hitlers Lieblingsmarsch) spielen. Er dirigierte ganz seriös, und mitten in diese entsetzliche Musikstimmung hinein hob er plötzlich den rechten Arm, nahm die Hitlerpose ein. Mir stockte der Atem. Ich befürchtete fliegende Bierkrüge, lauten Protest von Seiten der japanischen und amerikanischen Touristengruppen an den langen Holztischen. Doch es geschah nichts. Heinos Geste war wahrhaft richtig für diesen Ort.”

( Jürgen von Tomëi )

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Mozart der Komik | Erinnerung an Heino Jaeger

Stuttgarter Zeitung – Martin Halter

Komiker sind selten gut auf Kollegen zu sprechen; aber im neidlosen Lob Heino Jaegers ist sich die Zunft einig. Hanns Dieter Hüsch, sein Entdecker, schwärmte von seiner “Ironie dritten Grades”, Olli Dittrich rühmt ihn als unerreichtes Vorbild. Harry Rowohlt fordert seit Jahren eine Werkausgabe, Loriot seufzt: “Wir haben ihn wohl nicht verdient.”

Jaeger konnte aus dem Stegreif unvergessliche Typen entwerfen und schier alle Sondersprachen, Berufsjargons, Dialekte und Tonfälle nachahmen. Aber irgendwann scheint er den kleinen Unterschied zwischen Realität und Satire, Einfühlung und Parodie, virtuoser Stimmenimitation und schizophrenem Stimmenhören vergessen zu haben.

Sein Desperado-Humor war selbstmörderisch: Jaeger äffte Polizei und Behörden, Ärzte, Seelsorger und Sozialhelfer noch nach, als er schon ihr Sorgenkind geworden war. Er biss die Hand, die ihn fütterte, verprellte Auftraggeber, Freunde und Gönner. Aber noch in der Psychiatrie wollten ihn seine Ärzte für ihre Privatpartys engagieren.

Jaeger kam immer zu früh oder zu spät. Als er Ende der Sechziger entdeckt wurde, musste man links oder sensibler Liedermacher sein. Jaeger war unpolitisch, schlimmer: bekennender Nostalgiker. Mit Hingabe studierte er die Spinner und Spießer, die vom Zeitgeist aussortiert wurden: bräsige Kulturfilmer, monomanische Kleintierzüchter, munter schwadronierende Rentner, senile Künstlerlegenden, kregle alte Nazis. Wenn er in den Rumpelkammern der Geschichte das Verdrängte und Vergessene aufstöberte, scheute er sich nicht, Hitler in Wort und Bild neu zu erfinden, bunte Fabelwesen in SS-Uniformen zu stecken oder Kriegstrümmer zum Freizeitidyll umzuschminken. Versteht sich, dass sein eigenwilliger Surrealismus auf Ratlosigkeit oder gar Empörung stieß.

STUTTGARTER Zeitung – Artikel lesen

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