40 Jahre MERVE-Verlag
2. Februar 2010 | Von netsamurai | Kategorie: Allgemeines, Bewegungsmelder, Journal, VORSCHAUHarburg | Der berühmte MERVE-Verlag feiert am 12.2.2010 sein 40-jähriges Jubiläum. Auf der Ebene 5 der Sammlung Falckenberg sind sämtliche verfügbaren Merve-Bände ausgestellt und werden ab 17 Uhr in einem Rundgang von Peter Gente, dem Verlagsgründer, vorgestellt.

Video-Still | Peter Gente, Berlin | hactivist.tv
40 Jahre MERVE-Verlag | www.merve.de
Der berühmte MERVE-Verlag, Pionier auf dem Gebiet der Kunsttheorie des französischen Poststrukturalismus um Michel Foucault und Jacques Derrida, feiert am 12. Februar 2010 sein 40-jähriges Jubiläum.
Hamburg-Harburg | FR 12 FEB 10 ab 17 Uhr | Auf der Ebene 5 der Sammlung Falckenberg sind sämtliche verfügbaren Merve-Bände ausgestellt und werden in einem Rundgang von Peter Gente, dem Verlagsgründer, vorgestellt.
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Hamburg | FR 12 FEB 10 von 11 – 16 Uhr | Aula der Kunsthochschule HFBK
Symposium Gesellschaft.Text.Bild. Speulative Philosophie im ExilInitiativvorträge zu Merve und Diskussion zur Entwicklung der Kunsttheorie in den letzten Jahrzehnten von und mit:
- Peter Gente, Verlagsgründer Merve, Berlin/Thailand;
- Tom Lamberty, Geschäftsführer Merve, Berlin;
- Philipp Felsch, Wissenschaftshistoriker und Merve-Experte, Zürich;
- Wolfgang Hagen, Leiter Kultur-/Medienforschung beim D-Radio, Berlin;
- Peter Weibel, Direktor des ZKM und Leiter des Merve-Archivs, Karlsruhe;
- Harald Falckenberg, Hamburg, Moderator.
Lerchenfeld 2, 22081 Hamburg, www.hfbk-hamburg.de
Peter Gente gründete das Verlagsprojekt 1970 zusammen mit Merve Lowien und Rüdiger Möllering. Der Verlagsname geht auf den Vornamen von Merve Lowien zurück; der Vorschlag, diesen als Verlagsnamen zu wählen, stammte von Hanns Zischler. Später trat Gentes Lebensgefährtin Heidi Paris in den Verlag ein und das Kollektiv löste sich auf. Zusammen mit Peter Gente bestimmte sie über mehr als zwei Jahrzehnte wesentlich das Programm. Heidi Paris ist im September 2002 verstorben. Peter Gente musste sich nach 37 Jahren aus gesundheitlichen Gründen aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Sein privates Archiv über seine Autoren, mit Zeitungsartikeln, Büchern und Musik, hat er an das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe verkauft.
Heute besteht der MERVE-Verlag unter der Leitung von Tom Lamberty weiter, der seit dem Tod von Heidi Paris 2002 im Verlag arbeitet.
Der MERVE-Verlag hat in den vergangenen 40 Jahren vor allem zeitgenössische französische Philosophen verlegt, Michel Foucault etwa, und zwar Jahre bevor diese Autoren und ihre Themen im deutschen Feuilleton angekommen waren. Er war einer der wenigen, die es sich erlaubten, abseits von Massen und Moden zu lesen, und doch hat er mit dem, was er da entdeckte, so manchen Trend ausgelöst. ( Kerstin Kohlenberg – DIE ZEIT )
Im Jahre 2001 erhielt der MERVE-Verlag auf Grund seines engagierten und intellektuell anspruchsvollen Programms als erster Preisträger den Kurt-Wolff-Preis zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene.
In den 1980er Jahren waren die Merve-Bände vor allem in Studentenkreisen verbreitet, heutzutage findet man Merve-Titel in Museumshops und Autoren- oder Kunstbuchhandlungen. In den Pionierzeiten war man noch an Alternativen zum dogmatischen Marxismus interessiert und publizierte Autoren wie Charles Bettelheim, Louis Althusser und Antonio Negri.
Ab 1976 wurde die Hinwendung zu den damals unbekannten “neuen französischen Philosophen” von der inzwischen verstorbenen Verlegerin Heidi Paris vorangetrieben. Heute wird Michel Foucault zum geisteswissenschaftlichen Kanon gezählt, ebenso wie die Merve-Entdeckungen Jean-Francois Lyotard, Jean Baudrillard, Paul Virilio, Hélène Cixous, Pierre Klossowski und Michel Serres.
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VIDEO | Ein Leben wie eine Komposition von John Cage [ hactivisttv | 5. März 2007 ] 4 Teile
hactivisttv trafen den Mitbegründer und Verleger Peter Gente 2006 in seiner Verlags-Wohnung. Ein Gespräch über Merve und Foucault.
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Wir blickten auch nicht durch
Merve-Verlagsmitbegründer Peter Gente
im Interview mit Mathias Broeckers TAZ 27.01.2007
Mit dem Bruch, den der deutsche Herbst 1977 darstellte, änderte sich dann auch der Verlagsname in “Merve”; mit “Internationale Marxistische Diskussion” war es vorbei.
Peter Gente:
Ja, die war gegessen. Wir hatten es ja nicht so mit den Terroristen. Spontis und Leute wie Fritz Teufel waren uns näher als Typen wie Horst Mahler.
In dieser Zeit habt ihr Theoretiker entdeckt, die in Deutschland noch niemand kannte – Foucault, Baudrillard, Deleuze, Guattari – und die mit Begriffen und einer Sprache operierten, bei denen die Leser erst mal nicht durchblickten. Mir ging es jedenfalls so.
Peter Gente:
Wir blickten auch nicht durch. Wir hatten ja etwas ganz anderes gelernt – Marxismus, kritische Theorie -, und diese Autoren setzten das zwar irgendwie fort, doch sie lösten sich auch davon und setzten andere Bezugsrahmen. Marx und Freud oder die Familie ließen sie, wie Deleuze/Guattaris im “Anti-Ödipus”, hinter sich, und das interessierte uns.
Als ein alter Freund von uns, Dietrich Kuhlbrodt aus Hamburg, einmal dem Kulturchef der Frankfurter Rundschau, Wolfram Schütte, mit dem Baudrillard-Band “Kool Killer” unterm Arm begegnete, wurde der ganz blass und sauer: “So was liest du?” Fünf Jahre später war die Rundschau dann ganz stolz, wenn sie einen Baudrillard oder Virilio drucken konnte.
Kool Killer
oder Der Aufstand der Zeichen
von Jean Baudrillard
Taschenbuch: 127 Seiten
Verlag: Merve; Auflage: 1978 (Januar 2010)
Sprache: DeutschDie Graffiti machen die Flächen und Wände der Stadt oder die U-Bahnen und Busse wieder zu einem Körper. Indem SUPERSEX und SUPERKOOL ihre leeren Zeichen ins Fleisch der Wände einritzen, sie tätowieren, machen sie Schluß mit der Raum/Zeit der urbanen Transportmittel. Die U-Bahnzüge sausen vorbei wie Projektile, wie eine bis zu den Augen tätowierte Hydra. Viele der hier verwendeten Begriffe gehören heute zum Alltagsvokabular: Code, das Virtuelle, der Cyberspace. Bei Baudrillard heißt das noch “Hyperrealität”.
In “Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen” beschreibt Baudrillard den sozio-kognitiven Impact von visuellen urbanen Ausdrucksdrucksformen wie Graffiti, Scratching, Kroh-Art, Wassumtention, Stencils, Zozowhacking etc. Wenn man beachtet, dass Baudrillard seinen Essay bereits Ende der Siebzigerjahre verfasst, hat, mutet einem – angesichts der mittlerweile fast schon im Mainstream zu verortenden Künstler wie Banksy oder des Spacehijackers-Kollektivs – seine visionäre Gabe schon fast unheimlich an. Der Großteil der beschriebenen Phänomene ist in Europa erst in den Neunzigerjahren wirklich angekommen und mittlerweile ein fester Bestandteil urbaner Ausdrucksformen der Foucaultschen “Generation Q”. (Saito)
Ihr habt viele Bücher zu Kunst und Musik gemacht, von den “Genialen Dilletanten” über “Tödliche Doris” bis hin zu Martin Kippenberger und Thomas Kapielski. Wie kam es zu dieser Mischung?
Peter Gente:
Als Heidi und ich uns kennenlernten, gingen wir fast jeden Abend in den “Dschungel” oder ins “Risiko” – wir kannten diese Leute aus der Musikszene, bevor die richtig Musik machten. Erst zehn Jahre später machten wir zum Beispiel mit Blixa Bargeld und den Einstürzenden Neubauten ein Buch. Als wir den Kippenberger machten, kannte den noch kein Mensch. Die Bücher entstanden also aus unserem Umfeld. Wir arbeiteten den ganzen Tag an diesen anstrengenden Theoriebüchern, und wenn wir dann abends um elf Uhr unter der Decke hingen und unser Verständnishorizont endgültig überschritten war, gingen wir in den “Dschungel”, um wieder runterzukommen. Wir hatten aber keine Berater, die uns dringend irgendwelche Titel empfahlen, die sind immer auf unserem eigenen Mist gewachsen. Wir haben gesammelt, Interviews, Zeitungsausschnitte, einfach Material, und irgendwann ist dann daraus ein Buch entstanden.
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Der MERVE-Verlag hat in 40 Jahren mehr als 300 Titel herausgegeben und viele Autoren für den deutschen Sprachraum entdeckt. Folgende Namen seien genannt, denn viele von ihnen gehören, wie der ehemalige Staatsminister für Kultur Julian Nida-Rümelin sagte, „nicht zuletzt dank Merve heute zum Kanon”. Autoren, die zuerst bei Merve auf Deutsch publiziert wurden: Maurice Godelier, Toni Negri, Massimo Cacciari, Jaques Rancière, Jean-François Lyotard, Luce Irigaray, Helène Cixous, Paul Virilio, Paul Veyne, Michel de Certeau, Daniel Charles, Fernand Deligny, Henri-Pierre Jeudy, Alain Badiou, Slavoj Zizek, François Jullien, Sylvère Lotringer, Richard Foreman.
“Die Kunst hat sich nach der politischen Phase entwickelt, wir waren immer sehr viel unterwegs, früher in der Punk-Bewegung, dann in der Techno-Bewegung. Das war ja eine experimentelle Gesamtszene, da waren wir verankert und unterwegs. Wir haben die meisten der maßgebenden Leute sehr früh kennengelernt, waren mit denen befreundet, die haben dann zum Teil ganz steile Karrieren gemacht.”
Harald Szeeman, Blixa Bargeld oder John Cage wären als Merve-Autoren zu nennen, die Künstlerphilosophen oder Philosophen-Künstler Hannes Böhringer, Sylvère Lothringer, Bernard Marcadé, Gerhard-Johann Lischka und Peter Weibel.
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Sammlung Falckenberg | Wilstorfer Straße 71 | Phoenix-Hallen / Hamburg-Harburg
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