Weißer Schimmel – You can observe a lot by watching | Sammlung Falckenberg

2. Februar 2010 | Von netsamurai | Kategorie: Archiv, Bewegungsmelder, VORSCHAU

Harburg | Phoenix-Hallen | Sammlung Falckenberg | Gruppenausstellung bis 11 APR 10

Franz West | Plakatentwurf 2006

Weißer Schimmel – You can observe a lot by watching

kuratiert von Christop Grau und Nicola Torke

Eröffnung: 12.02.2010 | 19 – 23 Uhr
Ausstellung bis 11.04.2010

Moritz Altmann, Abel Auer, Dorota Jurzcak, Michael Bauch, Achim Beitz, Ulla von Brandenburg, Baldur Burwitz, Werner Büttner, Stephen Craig, Hanne Darboven, Cordula Ditz, Bogumir Ecker, Harald Falckenberg, Anna Lena Grau, Christoph Grau, Anna Gudjonsdottir, Stef Heidhues, Georg Herold, Achim Hoops, Volker Hüller, Zvika Kantor, Martin Kippenberger, Nina Könnemann, Till Krause, Lutz Krüger, , Katja Kelm, Jochen Lempert, Anna Oppermann, Pauline M’Barek, Jonathan Meese, Dirk Meinzer, Anke Wenzel, Ernst Mitzka, Mariella Mosler, Matt Mullican, Peter Piller, Bernhard Prinz, Gunnar Reski, Bettina Sefkow, Tillman Teerbuyken, Andrea Tippel, Nicola Torke, Daniel Tschernich, Malte Urbschat, Mark Wehrmann u.a.

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Weiß ist weiß und Schimmel ist Schimmel und beides zusammen eine Tautologie. Das denkt man jedenfalls, wenn man den Titel der Ausstellung liest, die die Kuratoren Nicola Torke und Christoph Grau in der Sammlung Falckenberg zusammengestellt haben. Doch kann man den „Weißen Schimmel” auch als Fingerzeig verstehen, die Kategorien der Bewertung zu hinterfragen, mit denen wir Kunstwerken in der Regel zu Leibe rücken: Für Händler sind es die Preise, für Historiker die Epochen und Stile und für Theoretiker die Diskurse, an denen sie ihre Einordnungen ausrichten. Häufig bleibt dabei das Wichtigste auf der Strecke: das genaue Hinschauen.

„You can observe a lot by watching” lautet daher der englische Titel der Ausstellung, die den Versuch unternimmt, die Kunstwerke jenseits der Bewertungs-Charts in eine andere, sich aus den Arbeiten selbst entwickelnde Ordnung zu bringen. Ausgehend vom Bestand der Sammlung Falckenberg entfalten die Kuratoren auf über 4000 qm eine Bildwelt, die unterschiedlichste Themen streift: Haus und Behausung, Schleier und Spiegel, Gesicht und Maske, Ornament und Muster sind dabei eher visuelle Leitlinien als kunsthistorische Kategorien.

Internationale Größen wie Robert Rauschenberg, Cindy Sherman, Mike Kelley, Thomas Hirschhorn oder Franz West werden dabei Arbeiten von Hamburger Künstlern wie Hanne Darboven, Anna Oppermann, Dieter Roth oder Bernhard Prinz sowie jüngeren Positionen von Ulla von Brandenburg, Moritz Altmann und Dorota Jurczak so gegenübergestellt, dass sich der Blick des Betrachters für die Betrachtung der Künstler öffnet, die sich ihm als intuitive Seherfahrung und nicht als theoretischer Diskurs vermittelt. Selber sehen lautet die Devise.

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KATALOG | Mit 10 Seiten Einsteckalbum / Trennblätter,
10 Seiten perforierte Bögen

WEISSER SCHIMMEL – HAMBURG, SAMMLUNG FALCKENBERG – You can observe a lot by watching.
Hrsg. von Christoph Grau & Nicola Torke. Hamburg 2010.

Beitr. von Diedrich Diederichsen, Gunnar F. Gerlach, Laszlo Glozer, Roberto Ohrt, Ursula Panhans-Bühler, Veronika Schöne & Ludwig Seyfarth.

| 96 Seiten, 360 farb. Abb.
| 10 Seiten mit Perforationen
| & 5 Seiten eines Briefmarkenalbums
| Kurzbiographien, Leinen, Text in dt. & engl. Sprache

| kaufen bei amazon

Nach welchen Regeln erfolgt die Bestimmung der Größe von Bildern und die Reihenfolge in einem Kunstbuch? Eine interessante Antwort darauf bietet dieses Buch:

360 Werke von 80 Künstlern werden auf neue und amüsante Art und Weise präsentiert: In Briefmarkenform kann der Leser von 10 Seiten perforierter Abbildungen mit jeweils 36 Abbildungen wählen, die Bildchen nach Belieben aus der Perforation lösen und auf 10 klassischen Albumseiten neu zusammenfügen, indem er sie wie Briefmarken einsteckt.

Jede “Briefmarke” hat auf der Rückseite eine Legende zu dem auf der Vorderseite abgebildeten Werk. Die Bilder stammen alle aus dem Bestand der Sammlung Harald Falckenberg in Hamburg. Die von den Herausgebern choreographierte Bilderwelt stellt auf amüsante Art und Weise die üblichen Regeln von Bildern in Künstbüchern in Frage und stellt so auch die Frage nach den Bewertungs-Charts von Kunst. Der Textteil von renommierten Autoren ergänzt diesen Teil mit vielen Informationen.

Mit einem Katalogbeitrag von Diedrich Diederichsen.

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Stirb langsam

Wenn mehrere über KUNST [ein Album] reden, ist der verdiente Verriss häufiger

Von Diedrich Diederichsen für die FAZ 10. Januar 2010 | IN DER KLAMMER [ ] der Originaltext

| zum „Ende der Musikkritik” – propagiert vom Musikmagazin SPEX, deren Autor, Kritiker, Herausgeber Diedrich Diederichsen selbst einmal war.

Den Gegenstand der Kunstkritik, es gibt ihn zweimal. Zum einen ist es der materielle oder Zeit in Anspruch nehmende Ausgangspunkt oder Anlass für eine ästhetische Erfahrung. Zum anderen sind es dieselben Dinge oder Dienstleistungen, nunmehr aber in der Form von als Medienobjekten käuflichen Waren oder soziale Funktionsträger in den Distinktionsscharmützeln alltäglicher Konkurrenzkämpfe. Dass ästhetische Erfahrungen in einer Welt spielen und von ihr handeln, wo wenig nicht käuflich ist, hat uns daran gewöhnt, dass Kunstkritik beide aufeinander beziehen muss. Dieser Umstand ändert nichts daran, dass man die Erörterung der ästhetischen Erfahrung nicht mit Kriterien wie dem Preis-Leistungs-Verhältnis einer Ware bestreiten kann. Der Umgang mit künstlerischen Erfahrungen darf sich seine Formate eben gerade nicht von der Kulturindustrie diktieren lassen.

Dennoch änderte sich eine Menge, wenn von heute auf morgen der Besuch einer Oper umsonst und der Einlass fortlaufend wäre oder Galerien ihre Ausstellungen nur zu wenigen, zeitlich begrenzten Terminen öffnen würden und ihrem Publikum auch noch sündteure Eintrittskarten verkaufen würden. In solchen Fällen wäre das Verhältnis zwischen Waren und Mediengestalt auf der einen und mit ihnen verbundener oder sie negierender Kunst so verändert, dass auch die Gewohnheiten und Formate der Kritik sich ändern müssten. KUNST [Pop-Musik] ist dazu ein kulturelles Format, dessen Selbstverständnis immer schon von der Verankerung in der und Auseinandersetzung mit der Kulturindustrie geprägt ist.

Dementsprechend war in der KUNST [Pop-Musik] die Kritik der reinen Warenbewertung immer schon sehr nahe. Die Beratung einer finanziell KOMFORTABEL AUSGESTATTETEN [knappen jugendlichen] ÄLTEREN Klientel, die BETRÄCHTLICHE [nur begrenzte] Mittel für möglichst große und erschütternde Erfahrung zur Hand hatte, gebar eine ganz besondere Version des Rezensionsfeuilletons – mit hoher Verbreitung von Kategorien wie „verarscht” oder „gut bedient”. Aber die versprochene Erfahrung der unverwechselbaren Subjektivitätsausbildung oder auch – skeptischer gesagt – der Distinktionsbewaffnung war auch nicht ganz anspruchslos. Daher musste an ganz besonders aufgeblasen individuell oder reizend gespreizt auftretenden Kritikerpersönlichkeiten vorgeführt werden, wie einzelne Werke oder Objekte oder Waren in dieser Hinsicht ihre Wirkung taten.

FAZ Artikel lesen

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Diedrich Diederichsen (* 1957 in Hamburg) ist ein Kulturwissenschaftler, Journalist und Professor an der Merz Akademie in Stuttgart. Diederichsen gilt als wichtigster deutscher Poptheoretiker. Themen des Ex-Redakteurs von SOUNDS und SPEX sind Kulturproduktion, Popkultur und Alltagskultur der Gegenwart, die er ästhetik- und machtkritisch analysiert. Als Kulturwissenschaftler widmet er seine Aufmerksamkeit besonders Subkulturen und Gegenbewegungen. Diverse Buchveröffentlichungen, u.a. 1985 “Sexbeat”, 1999 “Der lange Weg nach Mitte”, 2005 “Musikzimmer”, 2008 “Eigenblutdoping”.

Zu einer Art Nachhilfeunterricht über allgemeine Phänomene hatte ihn in den zurückliegenden Jahren der Hamburger Kunstverein zu monatlichen Vorträgen geladen. Die Sammlung des dort Gesagten ist lesenswerte Diagnose und Panorama unseres Jetzt:

BUCHEMPFEHLUNG
| Eigenblutdoping | Künstlerromantik und Selbstverwertung
| von Diedrich Diederichsen  | kaufen bei amazon

Diedrich Diederichsen über Georg Büchner, Andy Warhol, Bob Dylan, Ovid, Rodney Graham, Richard Wagner, die RAF, Damien Hirst, Kenneth Anger, Frank Zappa, Thomas Pynchon, Charles Manson, 50 Cent, Hermes Phettberg, Vanessa Beecroft, Paolo Virno, René Pollesch, Jean Francois Lyotard ? Der Kunstboom hat eine Vorgeschichte. Aufbrechende Generationen, aufregende neue Lebensformen, Emanzipationsschübe von der Nachkriegszeit bis in die wilden 60er bilden das Reservoir an Hoffnungen, Gefühlen und Ekstasen, von denen noch heute die Kunstmarktblase zehrt. Doch was hat sich in dieser Zeit wirklich getan ? politisch, künstlerisch, in den Subkulturen und auf dem Markt? Wovon handelt der Hype um die Kunst in allen Medien denn wirklich?

Ausstellungen sind Events, Bücher und Musik haben Marketing-Konzepte, Künstler müssen als Person erkennbar sein. Kein Mensch glaubt mehr an einen Underground oder eine Gegenkultur. Doch mit den Schatten dieser Begriffe handelt die Kunst. Ist das ein Verrat? Ein Niedergang? Oder gibt es auch Verbindungen und Versprechungen einer Welt jenseits des Marktes? Selbstverwirklichung, Flexibilität flache Hierarchien, unvorhersehbare Lebensläufe – jedes dieser Stichworte klingt sowohl nach der Erfüllung linker Forderungen, sie sind aber auch grimmige Realität unausweichlicher neoliberaler Zwänge, diagnostiziert Diedrich Diederichsen. In seinem neuen Buch nimmt er uns mit auf eine wahrhafte Tour de Force durch die letzten Jahrzehnte Gegenwartskunst und Popkultur.

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Kurator/in

Nicola Torke, geb.1960, Studium der freien Kunst in Berlin, München, Hamburg. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Professur an der HfBK Hamburg und der HBK Braunschweig (1996-2009). Kuratorische Tätigkeit u.a.: „Erro, Fahlström, Köpcke, Lebel” Sammlung Falckenberg (2003, Assistenz), „90-60-90″ Gillian Morris Gallery, Berlin (2008).

Christoph Grau, geb.1948, Studium der freien Kunst in Hamburg. Tätigkeit als Kunstvermittler, Autor und Galerist u.a.: Mitarbeit in der „Besucherschule”, Documenta 5 (1972), „Demonstrationsraum”, Künstlerhaus Weidenallee (1989), „Kunststreifzüge”,13 Künstlerportraits NDR (1993/94), Agentur für Zeitgenössische Kunst (seit 1994).

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Sammlung Falckenberg | Wilstorfer Straße 71 | Phoenix-Hallen / Hamburg-Harburg

21073 Hamburg, Deutschland

Sammlung Falckenberg

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