JOCHEN GERZ – 70 Jahre | Harburger Mahnmal gegen Faschismus
4. April 2010 | Von netsamurai | Kategorie: Allgemeines, JournalHarburg | 04 APR 10 | Der Konzeptkünstler Jochen Gerz wird 70 Jahre alt | Er schuf eines der bekanntesten Gegendenkmäler Deutschlands – das Harburger Mahnmal gegen Faschismus

Die Teilung der Welt in Künstler und Betrachter
gefährdet die Demokratie, hat Jochen Gerz in einem Interview gesagt. Aus diesem Grund realisiert der Künstler Projekte im öffentlichen Raum, die mit einem Aufruf zur Beteiligung der Bürger starten. Eine seiner bekanntesten Arbeiten ist das Mahnmal gegen den Faschismus in Hamburg-Harburg.
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Sein neuestes Projekt “2-3 Straßen. Eine Ausstellung in Städten des Ruhrgebiets” ist Teil des Programms zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr “Ruhr 2010″.
Am 4. April 2010 wird Jochen Gerz 70 Jahre alt.
Geboren 1940 in Berlin, lebt und arbeitet seit den späten 1960er Jahren in Paris. Zu seinen herausragenden Fähigkeiten gehört die Fähigkeit, einen hohen intellektuellen Anspruch mit den besonderen Bedingungen, Erwartungen und Möglichkeiten eines Kunstpublikums sowie einer engeren oder breiteren Öffentlichkeit zu verbinden. Verschiedene seiner Interventionen im öffentlichen Raum, vornehmlich in Frankreich (“Le monument vivant de Biron”, 1996; “Le Cadeau”, 2001), und in Deutschland (“Mahnmal gegen den Faschismus”, 1986; Hamburg-Harburg, “Mahnmal gegen Rassismus”, 1993; Saarbrücken) sind Beispiele einer rigorosen Haltung wider das Vergessen, die Ausgrenzung und für die Wahrung der Freiheit.
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Rufen bis zur Erschöpfung
Um 1970 beginnt Jochen Gerz mit Aktionen und Performances zu arbeiten. Von Beginn an setzt Gerz Film und Video als Dokumentationsmedien ein, unabhängig davon, ob die Aktionen im öffentlichen oder nicht-öffentlichen Rahmen stattfinden. Dabei fällt auf, dass Gerz stets den Einsatz der Technologie auf die inhaltliche Struktur jeder Aktion oder Performance abstimmt. “Rufen bis zur Erschöpfung” (1972) etwa überzeugt auch heute noch durch die Vermittlung der spezifischen Situation, in der die aufzeichnende Kamera als Beobachterauge agiert, in dem sich der Betrachter des Videos selbst wiederfindet. Die von Gerz realisierten Stücke thematisieren stets eine Interaktion, oder besser eine Konfrontation von Wirklichkeit und Bild, von Original und Reproduktion.
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VIDEO | Jochen Gerz – Rufen bis zur Erschöpfung, 1972
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Die Performances von Jochen Gerz waren auch immer als eine Kritik der Medien in ihrer Funktion als Realitätsersatz zu lesen, die mit den Worten Guy Debords lediglich eine “Akkumulation von Spektakeln” darstellen. Dort, wo die Performances das Publikum mit einschliessen, thematisieren sie auch die Rolle des Betrachters, der Zeugenschaft, des Opfers und nicht zuletzt die Passivität und Nachgiebigkeit gegenüber dem kreativen Künstler. So verkörpern die mythologischen Figuren von Odysseus und Penelope jenes Rollenspiel, auf dem unsere Kultur zu einem grossen Teil aufgebaut ist.
Jochen Gerz ist einer der wichtigsten Vertreter konzeptueller Kunst, wobei seine zentralen Anliegen in der Untersuchung des Verhältnisses von Kunst zur Wirklichkeit, vom “Anderen” zum Leben ausgemacht werden können. Nicht mehr an die Kunst denken zu müssen, wie Gerz wiederholt sein Ziel formuliert hat, bedeutet im Resultat eine Utopie der Überwindung der Kunst zugunsten eines freien und vollgültigen Lebens. [ via Kunstmuseum Liechtenstein ]
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Harburger Mahnmal gegen Faschismus

Object: Column of galvanized steel with a lead coating, 1200 x 100 x 100 cm, weight ca. 7 t., underground shaft with viewing window, depth 14 m, concrete footing, 2 steel styluses for signing the surface, text panel. Site: Hamburg-Harburg, Harburger Ring at the corner of Hölertwiete/Sand, Harburg-Rathaus S-line train station.
Zum 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung beschloss die Bezirksversammlung Harburg im Januar 1983 einstimmig die Errichtung eines „Mahnmals gegen den Faschismus” auf dem Harburger Rathausplatz. Nach Abschluss eines Wettbewerbs und intensiven Diskussionen fiel die Entscheidung zugunsten eines Entwurfs von Esther Shalev-Gerz (geb. 1948) und Jochen Gerz (geb. 1940), die eine besondere Form der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus beabsichtigten.
Sie bauten 1986 eine bleiummantelte Säule von zwölf Metern Höhe auf, die als Schreibgrund für Unterschriften und Kommentare zur NS-Zeit genutzt werden sollte. In acht Schritten wurde die Stele vom 10.10.1986 bis zum 10.11.1993 in das Erdreich abgesenkt, um Platz für neue Kommentare zu schaffen und so ein deutliches Symbol für das Eingraben der Erinnerung zu gestalten.
Chronologie der Absenkung:
Einweihung 10. Oktober 1986
1. Absenkung 1. September 1987
2. Absenkung 23. Oktober 1988
3. Absenkung 6. September 1989
4. Absenkung 22. Februar 1990
5. Absenkung 4. Dezember 1990
6. Absenkung 27. September 1991
7. Absenkung 27. November 1992
8. Absenkung 10. November 1993
Am Ende waren es ca. 60.000 Beschriftungen unterschiedlichster Art – Unterschriften, nachdenkliche Worte, antifaschistische Zitate ebenso wie Sprüche und ausländerfeindliche Parolen –, die mit der Säule versenkt wurden. Die Absenkungen der Säule in die Erde wurde von Diskussionsrunden und Vorträgen zur Geschichte des Nationalsozialismus begleitet. Heute ist von dem Mahnmal nur noch die oben abschließende Bleiplatte im Gehweg zu sehen. Außerdem ermöglicht ein Fenster in der Fußgängerunterführung den Blick auf einen Teil der Stele. Tafeln erklären die Entstehung des Denkmals und den Anlass seiner Errichtung. Die „Leerstelle” des versenkten Denkmals wird in der Inschrift mit den Worten erläutert: „Denn nichts kann auf Dauer an unserer Stelle sich gegen das Unrecht erheben.”
Denkmal zum Mitmachen
In der ursprünglichen Vorstellung der Künstler sollte also ein Denkmal in der Interaktion mit den Menschen ( “ein Denkmal zum Mitmachen” / Ot. Regionalzeitung ) entstehen, bei der eine Liste mit Namen eingraviert werden würde, und das gleichzeitig bei dieser Vollendung im Boden verschwunden wäre. Nur durch eine kleine Glasscheibe sollte ein Einblick auf einen Teil der Säule möglich sein, deren Inschrift ähnlich wie auf vielen anderen Denkmalen des Holocaust als eine lange Liste von Namen erschien, mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier im Gegensatz zu Listen der Namen von Opfern lebende Menschen, und zwar von diesen selbst geschrieben, zu lesen wären.
Jochen Gerz sprach bei seinen Arbeiten von „einem neuen Typus von Denkmälern, die die traditionell angestrebte kurze Betroffenheit des Betrachters ersetzt durch seine bleibende Mitautorenschaft und Mitverantwortung.”
Nach kurzer Zeit zeigte sich aber ein anderes Bild: die Säule war überzogen von einer ganzen Schicht von Namen und Sprüchen (x liebt y oder „Ausländer raus!”) und deren Durchstreichungen sowie Bildern und Graffiti. Im Laufe der Absenkungen sind bis zur letztendlichen Versenkung Schussspuren an der Bleiummantelung gefunden worden; es wurde auch versucht, am Fuße der Säule die ganze Ummantelung zu entfernen – schließlich wurden auch Hakenkreuze eingeritzt.

Foto: aus dem Buch Das Gegendenkmal von Corinna Tomberger
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Der Künstler selbst kommentierte dies so: „Denn die Orte der Erinnerung sind Menschen, nicht Denkmäler.”An anderer Stelle vermerkte er: „Als Spiegelbild der Gesellschaft ist das Monument im doppelten Sinn problematisch, da es die Gesellschaft nicht nur an Vergangenes erinnert, sondern zusätzlich – und das ist das Beunruhigendste daran – an die eigene Reaktion auf diese Vergangenheit.”
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Bremer Roland-Preis
für “Kunst im öffentlichen Raum” (für das Harburger Mahnmal gegen Faschismus)
Jochen Gerz ist Rolandpreisträger 1990
Der Rolandpreis für Kunst im öffentlichen Raum 1990 geht an Jochen Gerz, der 1940 in Berlin geboren wurde und in Paris lebt.
Die Jury ehrt mit dieser Arbeit ein originäres Projekt für Kunst im öffentlichen Raum, das im Reflex auf das klassische Mahnmal dessen Fragwürdigkeit heute aufzeigt, das sich nicht ästhetisch in seine Umgebung integrieren und somit das Erinnern in einem formalen Akt aufheben will, sondern Mahnung und Erinnerung als einen sozialen Prozess versteht.
Je mehr sich daran beteiligen, umso obsoleter wird das Mahnmal selbst. Es muss schließlich verschwinden. Die Jury sieht diese erste Arbeit, die Jochen Gerz zusammen mit seiner Frau im öffentlichen Raum gemacht hat, in einem engen Zusammenhang mit der Thematik seiner ganzen Arbeit und in konsequenter Fortsetzung von Installationen wie z.B. ‚Exit/Materialien zum Dachau-Projekt’ von 1987. Es geht um Erinnerungsarbeit, die von dem täglichen Bild- und Sprachausstoß der Medien verhindert und zugeschüttet wird.
Jochen Gerz versucht mit seiner Kunst gegen die tägliche Kulturarbeit des Ausgrenzens und Auslöschens anzuarbeiten, gegen eine Vorstellung von Kultur, die ihre Leistungen nur an ihren Images und Ideologien misst.« (Begründung des Preisgerichts, 1990)
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Das Harburger Mahnmal | Google Books
( Doktorarbeit von Corinna Tomberger )
Die Geschichte des Mahnmals lässt sich hier ausführlich nachlesen. Corinna Tombergers Verdienst ist es, eine umfassende Materialsammlung zu den ausgewählten Denkmälern zusammengetragen zu haben, darunter unveröffentlichtes Aktenmaterial und Berichte der Lokalpresse.
Buch in Passagen lesen | Google Books
Gemeinhin gilt das Gegendenkmal als Erfolgsmodell der bundesdeutschen Erinnerungskultur seit den 1980er Jahren. Dieses Buch untersucht anhand zweier Fallstudien erstmals die politische Funktion des neuen Denkmaltypus. Wie dieser Ansatz zeigt, bringen beide Denkmäler, das »Harburger Mahnmal gegen Faschismus« und der Kasseler »Aschrottbrunnen«, letztlich problematische Identifikationsangebote hervor.
erschließt Erzählungen von feminisierten Opfern, heroischer Männlichkeit und symbolischen Wunden der Nation.
Eine akteursspezifische Perspektive macht sichtbar, inwiefern sich dabei geschichtspolitische, generations- und geschlechtsspezifische Anliegen verknüpfen.
Das Gegendenkmal (Broschiert)
von Corinna Tomberger
362 Seiten
Sprache: Deutsch
22,4 x 14 x 2,4 cm
Acht Jahre hat es die Harburger genervt und die internationale Denkmals-Diskussion weit über Europa hinaus belebt: das “Mahnmahl gegen Faschismus”. Seit dem 10. November 1993 ist es getreu dem Konzept der Künstler Esther Shalev-Gerz (geb. 1948) und Jochen Gerz (geb. 1940) endgültig im Boden versunken. Es sollte nur ein Denkanstoß auf Zeit sein und sich im Erinnern abstrahieren, statt als hoheitlich verordnetes Alibi zu dienen und durch Gewöhnung langsam unkenntlich zu werden.
“Wir laden die Bürger von Harburg und die Besucher der Stadt ein, ihren Namen hier unseren eigenen anzufügen. Es soll uns verpflichten, wachsam zu sein und zu bleiben. Je mehr Unterschriften der zwölf Meter hohe Stab aus Blei trägt, um so mehr von ihm wird in den Boden eingelassen. Solange, bis er nach unbestimmter Zeit restlos versenkt und die Stelle des Harburger Mahnmals gegen den Faschismus leer sein wird. Denn nichts kann auf Dauer an unserer Stelle sich gegen das Unrecht erheben”. Das war das Konzept und diese Worte in sieben Sprachen sind das, was am Ort verblieben ist.
1986 am Harburger Ring in der Nähe des Rathauses auf einer Art Backsteinkanzel zwischen Hauptstraße und U-Bahn-Zugang zentral aufgebaut, wurde die Bleisäule mit der Grundfläche von einem Quadratmeter in acht Schritten abgesenkt, bis von ihr oben nur noch eine abschließende Bleiplatte und unten ein schmales Fenster in einer Tür zum Blick aus der Fußgängerunterführung auf den im Schacht verborgenen Körper übrigblieb.
Versteckt wie die ungern erinnerte Geschichte, wie Deutschland in diesem Jahrhundert seine Völkermorde durchgeführt hat, verborgen wie der untergründige Haß freundlicher Rentner auf diese ihrer unbeirrbaren Überzeugung nach sinnlose und scheußliche und zu teure moderne Kunst und doch durch die erklärenden Tafeln weiterhin so klar sichtbar wie es bei Kommunalwahlen die zeitweilig über 20-prozentige Zustimmung zu neuen rechtsradikalen Gruppierungen in einigen Harburger Bezirken wurde. “Der Schornstein ist schon gut, er müßte nur noch rauchen” wurde dem Künstler schon kurz nach der Einweihung gesagt, seitdem folgten an die sechzigtausend belegbare Kontakte mit dem Objekt. Denn das Konzept funktionierte, die Bleioberfläche wurde ausgiebig benutzt in positivem wie negativem Sinne. Zu den Unterzeichnernamen kamen Sprüche und Zitate, Ausländerfeindliches und Hakenkreuze wurden manifest und mit “Nazis raus” überschrieben, Filzstiftschmierereien und Sprüh-Tags, Ein- und Auskratzungen bis zur nackten Gewalt, mit der ein Loch in die ummantelnden Bleiplatten gerissen wurde. Durch die regelmäßigen Absenkungen, durch Veranstaltungen und Diskussionen konnte das Mahnmal sein Anliegen immer wieder ins Gespräch bringen und erlangte so für seine aktive Lebensdauer eine hohe Präsens. Die extremste Reaktion war, daß auf die Anlage sogar geschossen wurde.
Für das Harburger Mahnmal in seiner offenen und den Denkmalsbegriff auch im internationalen Vergleich mit neuem Sinn erfüllenden Konzeption und das noch abstraktere Erinnerungsmal im Schloßhof von Saarbrücken, bei dem die Unterseiten der Steine mit den Namen jüdischer Friedhöfe beschrieben wurden, erhielt Jochen Gerz den 1990 erstmals verliehenen Bremer Roland-Preis für “Kunst im öffentlichen Raum”. Dort entwickelte der Künstler dann mit der “Bremer Befragung” ein Kunstprojekt, das ganz folgerichtig nur noch mit der bloßen Idee eines geplanten Kunstwerks auf das Gespräch mit dem Bürger setzte.
Kunst kann nur anregen, vom Denken und Fühlen der Menschen selbst hängt das wirkliche Leben ab. Trotz seiner so ganz anderen Form ähnelt das Harburger Mahnmal mit seiner Betonung des Dialogs dem fast zeitgleich in Niendorf-Nord installierten “Tisch mit zwölf Stühlen” von Thomas Schütte. Aber Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz gehen noch weiter: Sie mißtrauen allen definitiven Ausformungen in Bild, Objekt und Sprache und verstehen sich eher als Initiatoren von Prozessen. Sie wollen auch als künstlerische Fachleute keine Stellvertreterschaft für das Gedenken formen und spiegeln deshalb ihren Auftrag zurück an die Auftraggeber, an die hinter den Institutionen stehenden Bürger. Am Ende bleibt, von keinem sichtbaren Artefakt mehr gestützt, bloß der grundlegende Satz: “Nichts kann auf Dauer an unserer Stelle sich gegen das Unrecht erheben.” [ Hajo Schiff ]
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Foto: aus dem Buch Das Gegendenkmal von Corinna Tomberger
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Jochen Gerz – Vita
geboren 1940 in Berlin | lebt und arbeitet in Paris
- 1958 Studium in Köln (Sinologie, Germanistik, Anglistik)
- 1962 Studium in Basel (Urgeschichte)
- 1976 Biennale Venedig, deutscher Pavillon (mit Joseph Beuys und Reiner Ruthenbeck)
- 1977 documenta VI, Kassel
- 1986 Das Harburger Mahnmal gegen Faschismus
(Esther und Jochen Gerz) - 1987 documenta VIII, Kassel
- 1993 2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus,
Saarbrücken - u.a.
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Der Besucher ist das Monument
Das traditionelle Denkmalkonzept wird ad absurdum geführt und auf die alltägliche historische Verantwortung und Reflexionsfähigkeit der Bürger verwiesen.
Das Denkmal, so Gerz, könne dem mündigen Bürger nicht die Verantwortung für ein aktives und kritisches Politik-Bewusstsein abnehmen, denn – wie auf einer Bodenplatte neben dem versunkenen Denkmal zu lesen ist – „nichts kann sich auf Dauer an unserer Stelle gegen das Unrecht erheben”. Die Künstler schufen durch dieses Konzept ein prägnantes Bild vom „Verschwinden des Denkmals”.
Die Leerstelle dieses Negativ-Denkmals von Gerz verweist nicht nur auf historische Brüche und Verluste; sie delegiert die Aufgabe des Erinnerns und des moralisch begründeten Handelns direkt zurück an den Besucher.
[ via Goethe-Institut | Paul Sigel, Kunst- und Architekturhistoriker | Counter-Monuments - Kritik am traditionellen Denkmal ]
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Bilder der Erinnerung. Mahnmale gegen die nationalsozialistischen Verbrechen
Guido Boulboullé zum Harburger Mahnmal gegen Faschismus
| dickinson.edu/glossen/heft1/guido.html
Im ersten Eindruck mag dieses Denkmal lediglich wie ein moralischer Appell an unsere Verantwortung gegenüber der Vergangenheit und ihrem gegenwärtigen Wiederaufleben wirken. Die beigegebene Inschrift und die Aufforderung zur Unterschrift legen dies nahe. Tatsächlich aber handelt es sich um einen riskanten und provokanten Umgang mit unserer Erinnerung an den Faschismus.
Die Provokation entsteht aus den widersprüchlichen Aufforderungen. Stimmen wir der Inschrift zu, so tragen wir zugleich zum Verschwinden des Denkmals bei, statt es als ständige Ermahnung zu bewahren. Als Träger unseres Namens erinnert es uns trotz seines Verschwindens ständig an unser Versprechen. Statt uns zu entlasten, wird es zu einem weiteren Stachel unserer Erinnerung.
Lehnen wir die Aufforderung ab, zerkratzen wir die Inschriften, wie es häufig geschehen ist, kritzeln wir Naziparolen, Embleme, Albernheiten oder auch private Wünsche in das Blei, so ist diese aggressive Haltung gegen das Denkmal zugleich seine Bestätigung.
Es ist ein Mahnmal, das, so Walter Grasskamp, “nicht besser sein will als die Gesellschaft, die es aufgestellt hat.”
Als Entschwundenes stellt es mit Nachdruck an uns die Frage, was mit ihm entschwunden ist und was von ihm bleibt. Noch die Hoffnung des heutigen Besuchers, es könnten sich tatsächlich die möglichen etwa 60.000 Namen auf der Stele befinden, dürfte zum Anlaß werden, über das allzu naive Vertrauen in bekenntnishafte Denkmäler nachzudenken.
Zu einem Denkmal gibt es keine verbindliche Haltung, wie es die Berliner Gedenkstätte suggeriert. Es setzt widersprüchliche Einstellungen frei. Indem sie nicht verdrängt werden, sondern, wenn auch zunächst unerwartet, dem verschwindenden Denkmal sich einschreiben, enthüllen sie zugleich die Illusion einer widerspruchsfreien Erinnerung. Und solche Illusionen prägen die meisten Denkmäler, die eine eindeutige moralische Haltung mit erinnernder Vergegenwärtigung verwechseln.
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2-3 Straßen
Im Kulturhauptstadtjahr 2010 lässt Jochen Gerz im Ruhrgebiet 78 Menschen ein Jahr lang mietfrei wohnen. Ihre Gegenleistung: Sie schreiben einen gemeinsamen Text.
RUHR.2010-TV: “Von Menschen, Straßen und Bildern”
Seine Kunst ist nichts für die Ewigkeit, keine Monumente sind keine fertig gemalten Bilder. Es ist Mitmachkunst, Aktionskunst, die Denkräume schafft, pure Gegenwartskunst.
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Harburger Mahnmal gegen Faschismus | Harburger Rathausplatz / Ecke Harburger Ring, Hölertwiete
| 21073 Hamburg-Harburg
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Insite Harburg Magazin Archive:
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