Das HARBURGER SCHLOSS
27. Mai 2010 | Von netsamurai | Kategorie: Archiv, Journal, VORSCHAUHarburg | DO 27 MAI 10 | Helms-Museum 18 – 19 Uhr | Vortrag im Rahmen der Reihe ”Stadtbild im Wandel” | Die Baugeschichte des Harburger Schlosses | Referent: Johann-Christian Kottmeier

Das Harburger Schloss im Modell ( so wie es hoffentlich wieder aufgebaut wird )
—————–
Harburger Schlossinsel wird Stadtumbaugebiet
29.04.2010, 13:30 Uhr Die Senatskommission für integrierte Stadtteilentwicklung
Heute wurde beschlossen, die Harburger Schlossinsel im Rahmen der integrierten Stadtteilentwicklung als Stadtumbaugebiet festzulegen. Damit können in den nächsten fünf Jahren Investitionen in Höhe von insgesamt fünf Millionen Euro zum Umbau der Harburger Schlossinsel aus dem Bund – Länder Städtebauförderungsprogramm „Stadtumbau” finanziert werden. Der Bund beteiligt sich mit einem Drittel an diesen Kosten.
Bereits seit 1990 betreibt die Freie und Hansestadt Hamburg eine Entwicklungsplanung für das Gebiet des Harburger Binnenhafens. Mit der Einbeziehung in die Planungen zum „Sprung über die Elbe” und in die „Internationale Bauausstellung Hamburg 2013″ wurde die Entwicklung der Harburger Schlossinsel vom Hafengebiet zu einem nutzungsgemischten Quartier vom Senat konkretisiert. Nach der angestrebten Entlassung der Harburger Schlossinsel aus dem Hafengebiet kann die positive Entwicklung aus dem südlichen Binnenhafen hier fortgesetzt werden (Vgl. Drucksache 19/467 „Entwicklungsplanung Harburger Binnenhafen”).
Der Senat hat am 29.06.2010 der Entlassung der Harburger Schloßinsel aus dem Hafengebiet zugestimmt. Nach der Zustimmung der Bürgerschaft ist damit der Weg frei für die Entwicklung eines neuen vielfältig genutzten Quartiers im Harburger Binnenhafen.
Für die Entwicklung der Schloßinsel werden Investitionskosten in Höhe von 43,4 Millionen Euro veranschlagt, von denen 22,4 Millionen Euro bereits in der Finanzplanung vorgesehen oder veranschlagt sind und 21 Millionen noch in den Jahren 2014 bis 2023 finanziert werden. Ein Teil der Kosten kann über Grundstückserlöse gegenfinanziert werden.
Mit dem Bau erster Infrastrukturmaßnahmen wurde bereits begonnen. Der Bau von Wohn- und Bürogebäuden kann direkt nach dem Beschluss der Bürgerschaft zur Entlassung begonnen werden. Gerade die nach allen Seiten von Wasser umgebene Harburger Schlossinsel bietet große Potenziale als Wohnstandort, gemischt mit maritimem Gewerbe.
Unwürdiger Umgang mit dem wichtigsten kulturellen Erbe Harburgs
In der Mitte der Schlossinsel ist ein öffentlicher Park geplant, in den auch das im 19. Jahrhundert zum Wohngebäude degradierte Harburger Schloss eingebettet werden soll. So kann ein einmaliges Wohnumfeld zwischen Wasser, Historie, Hafen und Grün entstehen.
Seit vielen Jahren versucht die Harburger Verwaltung die Erbengemeinschaft des Restgebäudes Harburger Schloss ausfindig zu machen – bislang wohl vergeblich. Denn wie sollte man sonst erklären, das innerhalb des regional abgefeierten Projektes der Neuerschließung der “SCHLOSSinsel” das Schloss selbst keine würdige Rolle zu spielen scheint.
Nach Informationen des Hamburger Abendblattes soll die Erbengemeinschaft für Haus und Grundstück einen Kaufpreis von einer Million Euro verlangen.
Zu den im Rahmen des Stadtumbaus zu fördernden Maßnahmen gehören insbesondere Infrastrukturmaßnahmen wie die Schaffung der Parkanlage auf der Harburger Schlossinsel, die Neuanlage von Uferpromenaden, oder der Neubau einer Fußgängerklappbrücke über den Lotsekanal und einer Brücke am Kaufhauskanal. Auch Kaimauern können saniert und Freiflächen neu gestaltet werden. Diese Maßnahmen sollen in den nächsten fünf Jahren in enger Kooperation zwischen der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt und des Bezirksamtes Harburg umgesetzt werden.
—————–

Stadthistorische Keimzelle: Harburger Schloss um 1850
Die Baugeschichte des Harburger Schlosses
Ein Schloss in Harburg? Ja, das hat es tatsächlich gegeben. Am Beispiel dieses fast vergessenen Baukomplexes wird die wechselvolle Geschichte der Entwicklung des südlichen Teils von Hamburg deutlich. Der Bogen spannt sich vom hohen Mittelalter bis in unsere Tage. Kirchengeschichte, Fürsten- und Patrizierherrschaft, Reformation, Franzosenzeit, Preussen und Politiker haben diesen Ort geformt und zuletzt wenig übrig gelassen.
Das als „Harburger Schloss“ bekannte Gebäude, das Mietshaus Bauhofstraße 8, lässt auf den ersten Blick weder auf eine Burg noch auf eine ehemals herrschaftliche Schlossanlage schließen. Dabei ist das auf der Schlossinsel im Harburger Binnenhafen gelegene Haus in seinem Kern das älteste bauliche Zeugnis des heutigen Hamburger Stadtteils Hamburg-Harburg. Es ist der letzte, selbst mehrfach stark veränderte Flügel der ehemaligen Schlossanlage, die im Laufe ihrer Geschichte mehrfach zerstört und wieder auf- bzw. umgebaut wurde. Bevor die nach dem Zweiten Weltkrieg noch vorhandenen Gebäude des Schlosses zu reinen Wohnzwecken genutzt wurden, hatte hier eine Werft ihren Sitz.
Am Beispiel dieses fast vergessenen Baukomplexes wird die wechselvolle Geschichte der Entwicklung des südlichen Teils von Hamburg deutlich. Der Bogen spannt sich vom hohen Mittelalter bis in unsere Tage. Fürsten und Patrizier, Harburger Herzöge, Hannoversche Verwaltungsbeamte, Französische Besatzer, die Preussische Regierung, und Hamburger Politiker haben diesen Ort in Kriegs- und Friedenszeiten geformt – und zuletzt wenig übrig gelassen.
Johann-Christian Kottmeier, Architekt in Hamburg, hat zum Harburger Schloss eine ganz persönliche Beziehung: er ist im Ostflügel des Harburger Schlosses aufgewachsen und hat dort seine gesamte Jugend verbracht – bis das Gebäude gegen heftigen Widerstand der Bewohner und Harburger Bürger 1972 abgerissen wurde. Seine persönliche Beziehung zu dem Gebäudekomplex sowie sein späterer beruflicher Werdegang als Zimmerermeister und Architekt führten ihn an die Stätte seiner Jugend zurück und veranlassten ihn, sich intensiv mit der Baugeschichte des Schlosses auseinander zu setzen und ein Buch darüber zu schreiben.
www.jc-kottmeier.de/publikation.htm
—————–

Festung Harburg 1654 (Conrad Buno/Caspar Merian). Um das Schloß ist eine Festungsanlage nach niederländischem Muster entstanden.
In diesem Zusammenhang sei auch auf die folgende interessante Abhandlung hingewiesen:
700 Jahre Harburg, 50 Jahre Hamburg-Harburg:
Ein Stadtschicksal zwischen 1288 und 1938
Dr. Klaus Richter 1988 | Abhandlung lesen [ pdf ]
In Hinblick auf die unruhigen Zeiten in der Endphase des dreißigjährigen Krieges sowie die Tatsache, dass Schweden im benachbarten Bremen-Verden und Dänemark in Holstein militärisch präsent waren, ließen die Celler Herzöge zwischen 1644 und 1660 um das alte Schloss eine moderne Festung nach niederländischem Muster errichten. Dem Festungsbau fiel ab 1650 das gesamte Nordende der Altstadt zum Opfer. Die Marienkirche mit Pastorenhäusern und Schule musste ebenso abgebrochen werden wie das gegenüberliegende Kaufhaus mit Kran und Waage. Der Kirchengemeinde wurde von der Regierung das Gelände des ehemaligen herzoglichen Lustgartens als Ersatz zur Verfügung gestellt (heutige Dreifaltigkeitskirche und Umgebung). Für den Wiederaufbau des Kaufhauses bestimmte die Regierung das Gelände der ehemaligen herzoglichen Ziegelei (heutige Buxtehuderstraße / Blohmstraße).
Damit hatte sich Harburgs wirtschaftliches und kulturelles Zentrum nach Süden hin verlagert – ein Vorgang, der sich bis zum heutigen Tage noch mehrmals wiederholen sollte.
[ Phoenix-Center / Falckenberg-Sammlung ]
In Verbindung mit der Festung schwebte der Celler, bzw. später kurhannoverschen Regierung vor, aus Harburg einen konkurrenzfähigen Hafen- und Handelsplatz zu machen. 1662, 1680, 1709 und 1717 wurden Pläne zur Erweiterung Harburgs durch neue, primär ansiedlungswilligen Kaufleuten vorbehaltene Stadtteile verfasst, 1721 zum Bau eines Hafens im Westen der Festung.
Alle Versuche der Regierung, Handel und Gewerbe Harburgs planmäßig zu fördern und dazu neue Stadtteile „auf der grünen Wiese” zu schaffen, scheiterten jedoch an der übermächtigen Konkurrenz Hamburgs und auch Altonas, ferner an dem ständigen Kompetenzengerangel zwischen Amt Harburger Magistrat. Im Übrigen war die Haltung des Magistrats allen neuen Plänen gegenüber mehr als zugeknöpft und engstirnig.
[ Parallelen zum Fall ECO CITY sind nicht zu übersehen ]
Langfristig hatte das Scheitern der Versuche, aus Harburg ein Hafen- und Handelszentrum zu machen, ziemlich negative Auswirkungen auf die Bevölkerungszusammensetzung, die bis heute andauern.
—————–
2009 | Restgebäude Harburger Schloss im Hintergrund | Foto: Jens Ullheimer
Re-Vitalisierung des Schlossrestgebäudes durch kulturelle Nutzung
In den 1970iger Jahren erfolgte der Abriss des Renaissanceflügels des Harburger Schlosses – gegen die heftigen Proteste der Harburger Bevölkerung. Das könnte jetzt im Idealfall durch Rekonstruktion wieder rückgängig gemacht werden.
Die Stadtentwicklung Binnenhafen zurück in Richtung stadthistorische Keimzelle gibt uns jetzt die einmalige Chance, einen großen Fehler der Vergangenheit zu einer kleinen Episode der Harburger Geschichte zu machen und dem Harburger Schloss etwas Würde zurückzugeben.
In diesem Zusammenhang wäre die Gründung einer “Kulturstiftung Harburger Schloss” ein interessante Wahl. Ziel soll die Re-Vitalisierung des Restgebäudes durch kulturelle Nutzung sein, z.B. mit der Integration der stadtgeschichtlichen Sammlung Helms-Museum. Der geschichtsträchtigste Ort Harburgs könnte sich auch als interessanter Bereich für klassische Konzerte erweisen. Gerade open-air-Veranstaltungen auf dem Wasser bieten sich im Sommer an.
Seit vielen Jahren versucht die Harburger Verwaltung die Erbengemeinschaft des Restgebäudes Harburger Schloss ausfindig zu machen – bislang wohl vergeblich. Denn wie sollte man sonst erklären, das innerhalb des regional abgefeierten Projektes der Neuerschließung der “SCHLOSSinsel” das Schloss selbst keine würdige Rolle zu spielen scheint.
Nach Informationen des Hamburger Abendblattes soll die Erbengemeinschaft für Haus und Grundstück einen Kaufpreis von einer Million Euro verlangen.
—————–
Der Idealfall:
Rekonstruktion des Harburger Schlosses | Teilfinanzierung durch Implantierung eines Schlosshotels
Rekonstruktion! Warum?
Katja Marek Dr. phil., geb. 1982; wissen-schaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel, Fachgebiet Geschichte der gebauten Umwelt/Architekturgeschichte.
www.katja-marek.de
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 17/2010) Stadtentwicklung | Bundeszentrale für politische Bildung www.bpb.de/publikationen/YKI9R2,0,0,Stadtentwicklung.html
Der Kunsthistoriker Matthias Donath schreibt von Protesten einer breiten Öffentlichkeit unter Mitwirkung von Bürgervereinen und Initiativen, die sich für die Erhaltung von bestimmten Elementen des 19. und 20. Jahrhunderts engagieren und damit die Richtung, was ästhetisch und zu erhalten ist, vorgeben.
1989 wurde der „Ruf aus Dresden” von einer Gruppe Intellektueller verfasst, die damit zum Wiederaufbau der Frauenkirche aufriefen. Anfangs war diese Gruppe eine Bürgerinitiative, aus der ein Förderverein (Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden) und schließlich die Stiftung Frauenkirche e. V. hervorging. Die zentrale Aufgabe dieser Stiftung war es, ein Drittel der gesamten Bausumme als Spendengelder anzuwerben, worin der Hauptverdienst der ursprünglichen Bürgerinitiative liegt.
Sich wandelndes Geschichtsbewusstsein
Die Bestrebungen der Bürgerinitiativen zum historischen Wiederaufbau treffen zum Teil auf fruchtbaren Boden. Besonders in Dresden lagen bereits vor dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkriegs im Stadtbauamt Bürgerwünsche zum Wiederaufbau der historischen Monumente vor, bei gleichzeitig herrschender Wohnungsnot. Ist also das Bedürfnis nach Geschichte ein Grund für Rekonstruktionen?
Der kulturelle Erinnerungsspeicher wurde von der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann als „Geschichte im Gedächtnis” bezeichnet, die notwendig sei, um daraus eine Identität zu beziehen. Verbunden seien damit die Fragen, was von der (Kultur-)Geschichte noch vorhanden ist, was erhalten bleiben und was wieder vergegenwärtigt werden soll.
Mit der Frage, was wir erinnern wollen, und mit der Suche nach dem Inhalt der Identitätsvergewisserung hat sich der Historiker Karl Heinz Bohrer Anfang des neuen Jahrtausends intensiv beschäftigt. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer radikalen Verkürzung der deutschen Geschichte, die sich hauptsächlich auf den Holocaust reduziere. Verbunden mit dieser „Erinnerungsstörung” sei der Verlust der deutschen Nationalgeschichte. Er spricht von einem Erinnern des Einen und dem Vergessen des Vielen. Aus dem deutschen Geschichtsdenken seien die Epochen zwischen der Reformation und der Französischen Revolution verschwunden, ebenso das Mittelalter. Aleida Assmann sieht inzwischen einen Wandel des deutschen Geschichtsbewusstseins, der mit einer Zunahme an Geschichtsbedarf verbunden sei. Gerade die Besinnung auf Situationen der Renaissance und des Barock, wie sie sich in den gegenwärtigen Rekonstruktionen ausdrückt, kann als eine gegenläufige Tendenz zu der von Bohrer diagnostizierten Erinnerungsstörung interpretiert werden.

Rekonstruktion der Identität
Bedenkt man, dass die Geschichte im (gesellschaftlichen) Gedächtnis als Teil des öffentlichen Lebens und Bewusstseins gemeinsamer emotionaler Bezugspunkt einer Nation ist, so wird deutlich, warum sich so viele Bürger in die Debatten für oder wider Rekonstruktionen einschalten. Assmann formuliert es als ein Bedürfnis zur Mitgestaltung von Geschichte im Gedächtnis. Die Beteiligung an den entsprechenden Diskussionen und der Zuspruch zu historischen Rekonstruktionen drücken den Wunsch aus, den durch die stetige Modernisierung bedingten ständigen Veränderungen eine Konstante entgegenzusetzen.
Architektur als die am meisten öffentliche Kunst ist in besonderem Maß dazu geeignet, Konstantes, konkreter Historisches oder, wenn dieses nicht verfügbar ist, vermeintlich Historisches in Form einer Rekonstruktion im öffentlichen Lebensraum zu erhalten, denn urbane Bausubstanzen sind als „verräumlichte Geschichte” oder als „gebauter Geschichtsspeicher” lesbar.
Architekturen sind Erinnerungsmedien, die emotionale Werte tradieren, die dem kollektiven Kulturgedächtnis angehören. Sie bilden die Grundlage einer kulturellen Gesellschaft und sind notwendige Faktoren, um Identität zu stiften.
Identität dient als Konstante, um die sich die notwendigen Grundbedürfnisse Erinnern und Erleben entwickeln lassen. Die „Geschichte und ihre architektonischen und städtebaulichen Momente bilden damit eine wesentliche Dimension, in der eine demokratische Nation ihr Selbstbild konstruiert und sich der eigenen Identität vergewissert”. Das Erinnern ist folglich eine Konstruktion aus verschiedenen Einstellungen gegenüber der Vergangenheit und der erlebten Erfahrung.
—————–

Wilhelmsburg | DO 09 FEB 12 | Bürgerhaus 19.30 Uhr | Klassisches Konzert: Wolfgang Amadeus Mozart / Anton Webern / Franz Schubert | Eintritt: 15€ | Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben in Begleitung eines zahlenden Erwachsenen freien Eintritt.
Harburg | DIE 07 FEB 12 | Stellwerk 21h | The Doppelgangaz [ New York City ] | Konzert: Oldschool Hip Hop der 90er | 12,- | Easy Jazzy Dope-Flow für Leute, die in den 90ern MC Solaar und Jazzmatazz gut fanden. Passt eigentlich gut als Sommer-Cruising-Soundtrack. Kommt daher wie eine permanente ( textlich explizite ) Verarschung von Jazzy Jeff & The Fresh Prince.
Hamburg | DO 02 FEB 12 | Deichtorhallen Eröffnung 19 Uhr | Fotografie-Ausstellung bis 15. April 2012 | Das Haus der Photographie der Deichtorhallen würdigt den 88jährigen Fotografen und Maler Saul Leiter in einer weltweit ersten großen Retrospektive. Die Ausstellung umfasst mehr als 400 Arbeiten.


