MARC BIJL & SILKE KOCH – tomorrowland | tinderbox

22. Juni 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Bewegungsmelder, VORSCHAU

Rothenburgsort | DIE 22 JUN 10 | Tinderbox Gallery | Eröffnung ab 19 Uhr | MARC BIJL & SILKE KOCH | Installation, Fotografie, Video | Ausstellung bis 31 JUL 10

Marc Bijl / Burning peace / 2004 / metal peace sign with gas cylinder / Ø 150 cm

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Kunst muss Bedeutung haben. Jemand muss angesprochen und zum Nachdenken angeregt werden. Meine Kunst muss nicht schön sein, sondern vor allem vielseitig. Wie das Leben selbst.” [ Marc Bijl ]

Tomorrowland

Farbbomben, krude Graffiti-Slogans, pechtriefende Plastiken, Skulpturen aus Konstruktionsmaterial. In ihrer einfachen Materialität und Gegenstandslosigkeit sind die Arbeiten von Marc Bijl einerseits Reverenz an die Kunstgeschichte, andererseits auch eine Hommage an den Alltagsvandalismus und verschmelzen so den Kunst- mit dem Stadtraum.

Diese Kombination gelingt vor allem deshalb, weil der Künstler sich der Objekte und einer abstrakten Formsprache als Zeichen bedient, hinter denen sich Ideen und Geschichten verbergen. Marc Bijl spielt mit den Mythen und Codes von Hoch- und Subkultur, zwischen Religion und Politik, Kunst und Pop. Seine Werke infiltrieren deren Zeichensysteme, verkehren ihre Bedeutung und durchbrechen die Routinen der Kunstwelt, aber auch der Subkultur.

In der tinderbox Ausstellung 6.2010 wird es unter anderem ein großes Peace-Symbol aus Gasrohren an der Wand geben, das über eine Gasflasche auf dem Boden mit Gas versorgt wird, brennen kann und so erhebliche Rußspuren an der Wand hinterlässt – als Wandarbeit, Wandzeichnung und Skulptur zugleich stellt die Arbeit gleichwohl Fragen nach klassischen Gattungsgrenzen in Frage. Obwohl diese Arbeit sehr schön, spektakulär und eingängig und diese Art Symbol schnell fassbar und damit äußerst effektiv ist, stellt sich doch auch die Frage, ob wir alle, und wenn wir uns als noch so pazifistisch begreifen, im Zuge der gegebenen Macht- und Globalisierungsstrukturen, wirklich unschuldig sind oder ob nicht vielmehr die Frage um den Frieden mehr denn je brennt?

Graffiti als Ausdruck sozialer Wünsche und Desillusioniertheiten ist dabei ein großes Thema.

Die Arbeit „The world won´t listen” (2003) entstammt einem Albumtitel der Band The Smiths, den Bijl im Rahmen einer Ausstellung an das Nachbargebäude des Frankfurter Kunstvereins gesprüht hat. Aus dem Ausstellungsraum heraus liest man durch ein Fenster diese Worte und stellt vermutlich fest, wie einfach, aber auch wie poetisch man eigentlich das Dilemma der Künstlerschaft und generell mancher Menschen, die etwas zu sagen haben, auf den Punkt bringen kann. Diese Direktheit in Bijls Arbeiten lässt ihm keinen Platz, sich zu verstecken und dem Betrachter auch nicht.

Der Betrachter muss sich neu orientieren, im Koordinatensystem zurechtfinden, sein Urteil überprüfen, einen neuen Kontext erkennen und sich gar von den Werken durch den Raum dirigieren lassen. Direkte Bezüge auf die Kunstgeschichte der Moderne, jedoch in postmodernem Gewand, zelebrieren den Charme von Verfall und Zerstörung als Befreiung. Bijls Werke schaffen im Stadt- und im Kunstraum eben jene „defensible spaces“, die Oscar Newman 1976 als notwendige Folge der zerstörerischen Reaktion auf die Architektur der Moderne beschrieb.

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VIDEO | The Smiths – Panic [ Single Compilation "The world won´t listen" 1987 ]

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In der Kombination aus legalen und weniger legalen Interventionen, charakterisiert Bijl die Logik von Kunstsystem und Subkultur als absurdes Paradox und bewegt sich auf der Ebene von Urban – / Street Art.

Street Art ist dort subversiv, wo sie sich dagegen verweigert, die Verlängerung der Parole zu sein. Das kritische Potential von Street Art – und vielleicht sollte man genau auf diesen Punkt besonders hinweisen – liegt darin, kein Träger von dezidierten Botschaften zu sein.

Kritische Street Art ist nicht die Fortsetzung der linken Parole an der Häuserwand. Zwar kann Street Art sich auch politisch einmischen, Positionen beziehen und sich für etwas engagieren; nur ist in den gelungenen Beispielen gerade nicht das Unterordnen unter eine Parteidisziplin das Qualitätskriterium der daraus resultierenden Kunst. [ Hans-Christian Psaar für KulturDisplace Leipzig www.kulturdisplace.net ]

So versetzte Bijl während der Documenta 11 im Jahr 2002, ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center, Kunstpublikum und Fridericianum in Aufregung, als er unaufgefordert die Buchstaben T.E.R.R.O.R. auf die sechs Pfeiler des Portikus schrieb. Sieben Jahre später entschied er sich für den Slogan „Modern Crisis” – dieses Mal auf Einladung und, wie sich zeigte, mit Unterstützung desselben Hausmeisters, der die Säulen 2002 eilig übertüncht hatte.

Marc Bijl - Fridericianum in Kassel

Marc Bijl´s letzte Soloausstellungen u.a. 2008 im Fridericianum in Kassel überraschten den Besucher mit einem interessanten Stilwechsel. Marc Bijl, der für seine Graffiti-Aktionen und Interactions im öffentlichen Raum bekannt ist und dessen bisherige Formensprache die Symbolik der Popkultur war, konzentriert sich jetzt auf die minimalistische Kunst der Moderne. Inspiriert von Künstlern wie Sol LeWitt, Piet Mondrian, Barnett Newman oder Gerrit Rietveld, macht er sich auf die Suche nach den Wahrheiten des Lebens. Ist der Künstler, der 2002 noch einen „Anschlag” auf das Fridericianum verübte jetzt zahm geworden?

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VIDEO | eiskellerberg.tv besuchte Marc Bijl in seinem Atelier in Berlin

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VITA | Marc Bijl,

Geboren 1970 in den Niederlanden |  Bassgitarrist der Metal/ Gothic / Alternative Band „Götterdämmerung” www.myspace.com/gotterdammerungnl

Studium an der Königlichen Akademie für Kunst und Gestaltung in ‘s Hertogenbosch und an der Rennie Macintosh School of Art in Glasgow.

Solo Exhibitions

  • 2009
    Towards our new constructtion, Rental Gallery, Cologne
    Arrested Development, DA2 Salamanca, Spain
  • 2008
    The simple complexity of it all, Kunsthalle Fridericianum 2008
    New sites for personal structures, Upstream Gallery, Amsterdam (NL)
  • 2006
    Indy Structures, The Breeder, Athens, Greece
  • 2005
    Afterhours, Gem Museum, The Hague, NL
    Get the balance right, Upstream gallery, Amsterdam NL
  • 2004
    In times like these, Grafisch Atelier Utrecht, Utrecht (NL)
    A Passion Play, Museum Valkhof, Nijmegen (NL)
    Chesed / Dien, The Breeder, Athens (EL)
    Marc Bijl, Giorgio De Chirico Art Center, Volos (EL)
  • 2003
    The nation had been flirting with forms of götterdämmerung, with extremes of vocabulary and behavior and an appetite for violent resolutions, Casco, Utrecht (NL)
    Black Planet, Magazin 4, Bregenz (AT)
  • 2002
    PORN, Künstlerhaus Bethanien, Berlin (DE)
    Make them doubt, Projektraum K&S, Berlin (DE)

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Silke Koch | from the series "New Leipzig"

Silke Koch | Kunst und Politik www.rockmytradition.com

Nicht nur seitdem Silke Koch ihr Feld gattungsmäßig von der Fotografie auf Video, Installation, Skulptur und mehr erweitert hat, wird in ihrem Oeuvre nicht weniger als bei Marc Bijl konstatiert, dass Kunst immer auch Politik ist.

Ich konzentriere mich auf das Phänomen der Konstruktion von Wirklichkeit, wie Symbole, Zeichen, Struktur. Neben historischen Gebieten, beschäftige ich mich vor allem mit Fragen des menschlichen Verlangens oder Mythen, wie sie sich in privaten und öffentlichen Bereichen manifestieren. Meine intermedialen Arbeiten und sollen unsere traditionelle Konzeption und Wahrnehmung von Wirklichkeit hinterfragen. [ Silke Koch, 2007 ]

In der Ausstellung „tomorrowland” wird unter anderen die Serie “Rockets from Evil Empire” zu sehen sein: 13 aus gefundenen Vasenteilen und anderen Dingen kreierte Objekte, die auf metaphorische und poetische Weise „wunderschöne” V2-Raketen darstellen.

Silke Koch | from the series "Rockets from Evil Empire" - 2008/09
porcelain, plastic, metal, glass / 45cm x Ø 13cm

In Arbeiten wie „New Leipzig” oder „Beethoven” geht es um die Frage nach Identitäten und im Vergleich dazu der Vorstellung über Identitäten. „New Leipzig” untersucht anhand von Fotografien, einen Ort namens New Leipzig in den USA, der Menschen aus Deutschland selbst sowie Kunstliebhabern der „New Leipzig School” durchaus surreal vorkommen mag: Das dortige „Oktoberfest” und die Devotionalien des „New Leipzig Museum” in einer Wellblechhalle werfen Fragen auf, was eigentlich deutsch ist. Eine Frage, die Silke Koch insbesondere interessiert als eine Frau, der die Realität nach der Wende schon einmal vorkommen konnte wie Fiktion bzw. umgekehrt.

In Bonn überdeckte Koch die Bronzeplatte mit den Lebensdaten an Ludwig van Beethovens Denkmal als Sohn der Stadt mit einer Bronzeplatte, auf der die Gravur „Beethoven – Geburtsort unbekannt” zu lesen ist. In diesem Zusammenhang sind auch Videoarbeiten zu sehen, in denen beispielsweise die explodierenden Tom & Jerry im Comic einem Selbstmordattentäter gegenübergestellt werden: Fragen, ob die Realität nicht immer viel krasser ist als die Kunst es jemals sein kann tauchen auf und werfen uns auf uns selbst und unsere Möglichkeiten zurück.

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VITA | Silke Koch,

geboren 1964 in Leipzig, studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und war Meisterschülerin von Astrid Klein. Kurz vor der Wende hat sie die DDR gen Westdeutschland verlassen, um zum Studium nach Leipzig zurückzukehren. Im Zuge von Residenzen hielt sie sich in New York und Columbus, Ohio, USA auf und hatte ebenfalls zahlreiche Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, darunter in Rotterdam, in der Leipziger Baumwollspinnerei, in Norwegen, Los Angeles sowie in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.

Solo Exhibitations

  • 2009
    “Collateral Damage” Meetfactory Prag,CZ (mit Marc Bijl)
  • 2008
    “Evil Empire” Sophiensaele, Berlin, D
  • 2006
    Rock My Tradition, projectspace, Het Wilde Weten, Rotterdam, NL
  • 2005
    displace, AnBau 35. Ort für Zeitgenössische Kunst, Bonn, D
    the winner is [#2], Baumwollspinnerei Leipzig, D
    the winner is [#1], Kunstverein Leipzig, D
  • 2003
    Games, Goethe Institut, New York, USA
    under construction, AnBau 35. Ort für Zeitgenössische Kunst, Bonn, D

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Marc Bijl und Silke Koch waren zuletzt gemeinsam in der Duo-Show “Collateral Damage” vom 14.10. – 5.11.2009 in der MeetFactory Gallery | International center of contemporary art, Prag zu sehen.

Silke Koch mit ihren komplexen Fragen rund um “die Konstruktion von Wirklichkeit” in einem sich verändernden politischen System, und Marc Bijl mit seiner eher konfrontativen und melancholischen Direktheit zu den gleichen Themen … “Collateral Damage” ist zugleich ein militärischer Begriff, der häufig in einem politischen und sozialen Kontext verwendet wird. Dies ist auch der Bereich des Interesses der beiden Künstler. Was ist Wirklichkeit in einer medial-strukturierten Gesellschaft und was bedeutet “Schaden” aus unterschiedlichen politischen Spektren?

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MARC BIJL & SILKE KOCH

tomorrowland

TINDERBOX Contemporary Art
23. Juni – 31. Juli 2010
Eröffnung am Dienstag, den 22. Juni 2010 ab 19 Uhr
Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 18 + Sa 11 – 15 Uhr

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TINDERBOX, Billwerder Neuer Deich 72, 20539 Hamburg-Rothenburgsort

20539 Hamburg, Deutschland

www.tinderbox-art.com

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